Viel hilft viel? Wie gesund Lebensmittel mit „Protein-Label“ wirklich sind

Müsli, Pizza, Getränke: Immer mehr Produkte versprechen, viel Eiweiß zu enthalten – und suggerieren Gesundheitsvorteile. Brauchen wir das auf unseren Tellern?

Im Supermarkt heißt das Zauberwort neuerdings: Protein. Vom Kühlregal bis zur Backwaren-Abteilung schreiben es immer mehr Hersteller prominent auf die Verpackungen ihrer Produkte. Während sogenannte „Light“-Artikel in den letzten Jahren wegen erhöhter Zucker- oder Salzanteile eher in Verruf geraten sind, liegen Protein-Lebensmittel offenbar im Trend. Häufig suggerieren sie dabei einen gesundheitlichen Mehrwert. Auf den Verpackungen von Eiweißbroten sind beispielsweise junge, durchtrainierte Frauen zu sehen, der Müsli-Karton verspricht „Power ohne Grenzen“ und der Proteinshake soll eine „fitnessorientierte Ernährung“ unterstützen. Proteine, so verkaufen es die Hersteller, machen beide Geschlechter sportlich, fit und gesund – nicht einfach nur schlank.

Neben Kohlenhydraten und Fetten sind Proteine ein wichtiger Energielieferant, der noch dazu relativ gut sättigt. Er versorgt den Körper mit Aminosäuren und Stickstoff, unter anderem wichtig zur Bildung von Hämoglobin oder Insulin. Trotzdem besteht aus wissenschaftlicher Sicht kein Grund, entsprechend angereicherte Lebensmittel zu sich zu nehmen, wie ein Sprecher des Verbands für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB) mit Sitz in Gießen gegenüber NGIN Food erklärt. Tatsächlich sei die Proteinversorgung „durch den gewöhnlich hohen Verzehr tierischer Produkte in den Industriestaaten überreichlich gedeckt“. Das belegen auch die Zahlen der Ernährungsforscher des Max-Rubner-Instituts. Selbst Vegetarier und Veganer nehmen in der Regel ausreichend Eiweiß zu sich, wenn sie sich ausgewogen ernähren und zum Beispiel genügend Hülsenfrüchte, Getreide, Gemüse oder Nüsse essen.

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Dennoch scheinen Protein-Produkte gefragt zu sein: In Fitnessstudios gibt es Eiweißshakes in sämtlichen denkbaren Geschmacksrichtungen. Proteinpulver findet man nicht mehr nur eimerweise in Fitness-Läden, sondern im regulären Drogeriehandel. Dazu kommen jede Menge Riegel, Smoothies, Nudeln, sogar Eis und Pizza-Teig mit besonders hohem Eiweißgehalt. Kohlenhydrate dagegen sind für manche Menschen zu regelrechten Schreckgespenstern geworden. „Ich halte das für eine Gegenbewegung zum Low-Fat-Trend der Achtziger- und Neunzigerjahre“, sagt Hans-Helmut Martin, Wissenschaftlicher Leiter der UGB-Akademie und Diplom-Ökotrophologe. Bei Low-Fat-Diäten wird weitgehend auf Fett verzichtet, um Gewicht zu verlieren. Nun soll also „High Protein“ die Zielgruppe der Körper- und Gesundheitsbewussten ansprechen.

Auch Leistungssportler brauchen kein „Extra-Eiweiß“

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Eine Person, die 60 Kilogramm wiegt, sollte demnach rund 50 Gramm Eiweiß zu sich nehmen. Das entspricht in der Theorie etwa 380 Gramm Vollkornnudeln. Einzig Kinder, Schwangere, Stillende und Menschen über 65 haben einen zum Teil leicht erhöhten Bedarf. Auch bei Freizeitsportlern ist er nur unwesentlich höher, kann aber durch die Ernährung im Normalfall gedeckt werden.

Wer langfristig zu viel Protein zu sich nimmt, tut sich damit aber nicht zwangsläufig etwas Gutes, meint Martin. „Eine dauerhaft erhöhte Proteinzufuhr kann etwa zu einer chronischen Übersäuerung des Stoffwechsels führen“, so der Wissenschaftler. Der Säuren-Basen-Haushalt des Körpers werde durcheinandergebracht. Die Folge: Beschwerden wie Kopfschmerzen und Müdigkeit. Dazu verliere der Körper mehr Mineralstoffe und langfristig bestehe eine erhöhte Gefahr für Herz-Kreislauferkrankungen. Ein Zuviel an Proteinen sei aber immer auch abhängig vom Grad der körperlichen Betätigung, gibt Martin an.

„Protein-Futter“ ist im Supermarkt schnell gefunden

Klar: Je Mehr ein Mensch sich bewegt, desto größer ist sein Gesamtenergiebedarf. „Bei Leistungssportlern steigt der Proteinbedarf aber nicht isoliert an“, sagt Wiebke Franz, Referentin für Marktbeobachtung bei der Verbraucherzentrale Hessen. „Mit der Energie, die sie zusätzlich benötigen, nehmen die Sportler anteilsmäßig auch mehr Protein auf.“ Ein Shake „zum Muskelaufbau“, wie ihn sich einige Hobby-Gewichtheber nach dem Training anrühren, ist bei einer ansonsten ausgewogenen Ernährung also nicht notwendig. Im Gegenteil: Er liefert auch zusätzliche Kalorien, die womöglich eher fett als fit machen. „Wir haben in unserer Ernährung genügend proteinreiche Lebensmittel: Neben Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten liefern auch viele pflanzliche Lebensmittel Protein“, so die Referentin. Sie hält Produkte mit Proteinauslobung, die damit in der Regel extra angereichert wurden, für überflüssig.

Werden Verbraucher getäuscht?

Mit der Produktkommunikation einiger Hersteller ist Franz daher nicht immer einverstanden: Erst im Sommer hatte die Verbraucherzentrale Hessen die Privatmolkerei Bauer wegen irreführender Angaben auf der Verpackung eines vergleichsweise teuren Proteindrinks abgemahnt. Dort wurde mit 23 Gramm Protein geworben – eine Hochrechnung des Proteingehalts pro 100 Gramm (laut Nährstofftabelle) auf die Gesamtmenge. Das Fehlen der Bezugsgröße konnte den Verbrauchern einen erhöhten Proteingehalt vortäuschen, so Franz. Tatsächlich beinhaltet der Drink nämlich „nur“ knapp sieben Gramm Eiweiß pro 100 Gramm. Zum Vergleich: In 100 Gramm gegarten grünen Erbsen sind ebenfalls sieben Gramm Eiweiß enthalten, die gleiche Menge steckt in Vollkornbrot. In Haferflocken sind es sogar 13, in Walnüssen knapp 14,5 Gramm.

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Betreibt die Lebensmittelindustrie mit ihrer Protein-Werbung also gezielt Verbrauchertäuschung? „So würde ich es nicht nennen. Die Proteine, die auf den Produkten angegeben sind, stecken ja tatsächlich drin. Höchstens die Aufmachung kann irritieren. Allerdings täuscht sich der Verbraucher bei den Zielen, die er mit den Produkten zu erreichen glaubt, selbst“, sagt Martin. Er und Franz sind sich einig: Die Werbung trägt eine Mitschuld daran, dass Menschen sich einbilden, mit mehr Proteinen mehr leisten zu können.

Insekten als Proteinlieferanten

Das EU-weite Inkrafttreten der neuen Novel-Food-Verordnung zum 1. Januar 2018 könnte den Verkauf von Insekten als Lebensmittel erleichtern. Auch sie werden häufig als Proteinquelle und damit als Alternative zu Fleisch ausgewiesen, nicht zuletzt von Startups, die etwa Pasta aus Insektenmehl oder Riegel herstellen. Wie bewerten die Experten die Bedeutung von Mehlwürmern, Heuschrecken und Co. für die Nährstoffversorgung der Bevölkerung? „Ich sehe allenfalls einen Bedarf für Länder, in denen die Bevölkerung eine zu geringe Proteinzufuhr hat. Bei uns sind diese Lebensmittel überflüssig“, meint Verbraucherschützerin Franz. Das sieht auch Martin so: „Es ist einfach nicht notwendig, auf diese exotischen Eiweißträger zu setzen. Pflanzliche Proteine reichen schon aus. Auch bei einem geringeren Verzehr tierischer Lebensmittel.“ Für Fitness-Gesundheitsgurus sind das sicherlich gute Nachrichten. Den Eiweißshake auf Käferbasis können sie sich in Zukunft getrost sparen.

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Bild: Getty Images/Westend61; Bilder im Text: Gründerszene

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