Wie ein Bremer Startup den Online-Supermarkt der Zukunft aufbauen will

Kundennähe durch Marktforschung: Diesen Ansatz verfolgen die MyEnso-Gründer. Ihr Netz-Supermarkt verspricht Mitspracherecht für Verbraucher. Wie soll das funktionieren?

Was Kunden wollen, dürfte eine Gruppe am besten wissen: die Kunden selbst. Ein Bremer Startup will sie deshalb in den Mittelpunkt seines E-Commerce-Konzeptes stellen und damit Konzerne wie Rewe oder Amazon überholen. Das ehrgeizige Ziel von MyEnso: Bis Ende 2019 einen 100.000 Artikel umfassenden Online-Supermarkt aufbauen. Zum Vergleich: Das Sortiment von Amazon Fresh umfasst derzeit rund 85.000 Artikel, Rewe bringt es online auf etwa 9.000 Produkte.

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Mithilfe von Wünsch-dir-was-Buttons und Vorstellungsvideos sollen MyEnso-Nutzer darüber entscheiden, welche Produkte ins Sortiment kommen. Ein kleines Berliner Food-Startup soll dabei die gleiche Chance haben gelistet zu werden wie ein etablierter Wurstwaren-Hersteller. Die kritische Masse werde bei 1.000 Likes liegen, kündigt MyEnso an. Offiziell gestartet ist der Dienst noch nicht. Einige Testnutzer, sogenannte „Pioniere“ sind aber schon angemeldet. Etwas über 600 sind es aktuell. Durch eine Werbekampagne in Bremen ab dieser Woche sollen es bis zu 2.000 Testnutzer werden.

Norbert Hegmann und Thorsten Bausch gründeten MyEnso Anfang dieses Jahres. Mit NGIN Food hat CMO Thorsten Bausch über das Startup und seine Wachstumspläne gesprochen.

Thorsten, mit Getnow oder AllyouneedFresh gibt es bereits Startups, die Online-Supermärkte betreiben. Auch etablierte Handelskonzerne verkaufen online Lebensmittel, Lidl hat allerdings vor Kurzem fast alle Lebensmittel aus seinem Onlineshop geworfen. Was läuft im Bereich Online-Lebensmittel Deiner Meinung nach schief?

Beim Lebensmittelhandel sind die meisten Menschen vergleichbar erzogen worden. Wir wissen, wie ein Supermarkt aufgebaut ist und wo verschiedene Produkte stehen. Man findet sich zurecht. Keiner dieser Anbieter berücksichtigt das derzeit im Internet. Den Lebensmitteleinkauf im Online-Supermarkt müssen wir noch erlernen. Die Alternative ist, dass sich der Online-Supermarkt den Menschen anpasst. Das halten wir für den besseren Weg.

Amazon Fresh weitet seinen Service zumindest in Deutschland gerade aus. Wie wollt ihr gegen die Lebensmittelsparte des E-Commerce-Riesen ankommen?

Bei uns steht nur eins im Kern unserer Handlungen: das Kundenbedürfnis – sonst nichts. Der Kunde hat bei MyEnso das Sagen. Das unterscheidet uns von bestehenden Marken. Er entscheidet, welche Produkte gelistet werden. Wir haben dazu zum Beispiel ein Videoformat entwickelt. Lebensmittelhersteller können darin sich und ihre Ware vorstellen. Die Nutzer geben dann ihre Stimmen zu einem Produkt ab, schlagen selbst Artikel vor oder machen Optimierungsvorschläge. Im Grunde führt der Hersteller also das Leistungsgespräch mit dem Kunden, nicht mit einem Einkäufer.

Die MyEnso-Gründer Norbert Hegmann (l.) und Thorsten Bausch

Das heißt, ich kann darüber entscheiden, ob ich eine bestimmte Sorte Schokolade in Euren virtuellen Regalen lieber von Lindt oder einem Food-Startup sehen würde?

Ganz genau. Das Basissortiment unseres Supermarktes kuratieren wir selber: Ab März wird es circa 25.000 Artikel umfassen. Die beziehen wir von Bünting (zur Bünting-Unternehmensgruppe gehört auch der Lebensmittel-Lieferdienst MyTime, Anm. d. Red.). Bis Ende 2019 wird unser Sortiment aber aus rund 100.000 Artikeln bestehen. Über die 75.000 weiteren Artikel entscheidet der Verbraucher. Ziel ist ein One-Stop-Shop für alle relevanten Bedürfnisse.

Ein ambitioniertes Ziel – das Platz braucht. Werdet Ihr ein eigenes Lager haben?

Ja, dieses Lager haben wir auch schon. In Bremen bauen wir einen historischen Speicher, der für Kaffee-, Tee- und Kakaosäcke eingesetzt wurde, auf 100.000 Quadratmetern zu einem maßgeschneiderten Logistikzentrum um.

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Ihr kooperiert mit dem Marktforschungsunternehmen Kantar TNS. Wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?

Gemeinsam mit Kantar TNS führen wir seit etwa einem Jahr Interviews mit Fokusgruppen durch. Dadurch wissen wir ziemlich genau, was die Verbraucher von den aktuellen Online-Supermärkten halten und wie ein perfekter Markt aussehen müsste. Kantar lädt darüber hinaus die großen Hersteller auf unsere Plattform ein. Diesen Herstellern bieten wir etwas, das in unseren Augen kein Online-Supermarkt hat: direkte Kundennähe.

Und die bringt Euch zahlende Kunden?

Wir bieten den Herstellern mit unserem Ansatz ein Test-and-Learn-Programm. Dafür müssen die Hersteller bezahlen, sie erhalten ja Erkenntnisse aus der direkten Kooperation mit dem Verbraucher und nutzen unsere Technologie und Infrastruktur. Außerdem haben wir Lizenz-, Kooperations- und Investitionsverträge mit weiteren Partnern. Und unsere Kunden können sich an MyEnso beteiligen. Wir wollen, dass der Supermarkt dem Kunden gehört. Deshalb haben wir MyEnso als Genossenschaft gegründet.

Ihr beliefert schon jetzt Seniorenheime in Bremen mit Lebensmitteln. Wie funktioniert dieses B2B-Geschäft?

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Die Senioren geben ihre Bestellungen so auf, wie sie es kennen, auf Zetteln oder per Telefon. Einmal pro Woche liefern wir mit vier eigenen Fahrzeugen die Bestellungen aus, bringen Gemüse, Kaffee oder Zeitungen. Unsere Lieferfahrzeuge sind auch Kioske. Die Fahrer machen dann vor Ort die Klappe auf, verkaufen weitere Artikel, unterhalten sich mit den Senioren und nehmen neue Bestellungen auf.

Soll es damit weitergehen, wenn Ihr mit dem Online-Supermarkt richtig gestartet seid?

Sicher. Die Infrastruktur, also Lager, Sortiment und Auslieferung, ist ja dieselbe wie beim Privatkundengeschäft. Anfang nächsten Jahres werden wir über 70 Senioreneinrichtungen in Bremen, Hamburg und Hannover angebunden haben. Das ist ein exklusiver Markt, den deutschlandweit noch kein Anbieter flächendeckend mit einem speziellen Modell bedient. Den Aspekt der Nähe wollen wir dann auch in den Online-Supermarkt einbringen, indem wir Pop-up-Stores eröffnen, auf dem Wochenmarkt vertreten sind oder Tante-Emma-Läden zu Annahmestellen für MyEnso-Lieferungen machen.

Geht es beim Online-Lebensmittelverkauf in Deinen Augen also doch nicht ganz ohne offline?

Sicher nicht. Die Lösung liegt in der ausgewogenen Synchronisierung der besten Dinge aus beiden Welten.

Bild: Screenshot MyEnso

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