Erfolgs-Süppchen aus dem Süden

Mit Suppen im Glas sind die Gründer von Little Lunch aus Augsburg deutschlandweit bekannt geworden. Das Startup landet auf Platz 2 unseres Wachstumsrankings.

Es gibt nicht viele Gründer, die Gespräche mit millionenschweren Investoren ablehnen. Die diesen sagen: Danke für das Interesse, aber gerade haben wir keinen Bedarf an Kapital. Doch Daniel und Denis Gibisch haben genau das gemacht. Sie stünden für neue Geldgeber nicht zur Verfügung, das hätten sie schon mehreren Investoren gesagt, erzählen sie. Zumindest jetzt noch nicht.

Die Brüder haben Little Lunch im Oktober 2014 im bayerischen Augsburg gegründet. Die Geschäftsidee des Startups ist einfach: Es bietet haltbare Bio-Suppen im Glas an. Vor einer Weile kamen auch Smoothies, Brühen und Koch-Zubehör wie Teller dazu. Bei der Firma im Augsburger Süden hängen farbenfrohe Bilder an der Wand, selbst gestaltet von der hauseigenen Grafikerin. Eine Hängematte baumelt in der Küche, und für die beiden Bürohunde gibt es ein Fleckchen Kunstrasen zum Kuscheln mitten im Raum. 24 Mitarbeiter arbeiten hier. Mit der Einrichtung, die jugendlich und kreativ wirken soll, unterscheidet sich das Unternehmen kaum von anderen Startups aus den Metropolen des Landes. Es sind die Unternehmenszahlen, die Little Lunch hervorstechen lassen: Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Startup nach eigenen Angaben acht Millionen Euro, in diesem sollen es 14 sein und nächstes Jahr 20. Gewinne schreibt die Firma seit 2017, sagen die Gründer.

DAS GRÜNDERSZENE-RANKING

Wir küren in diesem Jahr erneut die am schnellsten wachsenden Digitalunternehmen Deutschlands. Es werden die 50 Firmen mit dem höchsten Umsatzwachstum (CAGR) ausgezeichnet. Grundlage ist der Umsatz der Jahre 2014 bis 2016. Unser gesamtes Ranking-Magazin könnt Ihr hier herunterladen.

Das sah vor vier Jahren noch anders aus. Damals war Denis, der Ältere der beiden, als Logistikleiter bei einem Mittelständler angestellt. Daniel arbeitete als Webentwickler in einer Agentur. „Wir hatten schon immer den Wunsch, uns selbstständig zu machen”, sagt der Jüngere. In dieser Zeit habe er sich mittags von „ungesundem Fraß” ernährt, erzählt Daniel und meint Fettiges und Künstliches, wie Tütensuppen und Leberkäs-Semmeln: „Ich dachte mir, dass es für die Mittagspause doch etwas Besseres geben muss.” Nur was? Zu Hause googelte er, was die Menschen oft essen. Jeder Deutsche verzehrt 100 Teller Suppe im Jahr, stand da. Den Gibischs war klar: Das ist ein Riesenmarkt – und die Idee für ihr Startup. Ein Abomodell für vegane Suppen schwebte ihnen vor. Bio, ohne Geschmacksverstärker und sonstige Zusatzstoffe. Und mit einem extra hohen Gemüseanteil.

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„Damals hießen viele Startups irgendwas mit 24”, erinnert sich Denis. Doch Wortkreationen wie Mysoup24.de, YouSoup und Ähnliches kamen nicht infrage. Little Lunch überzeugte. Der Name habe nach kleinem Snack geklungen. Außerdem sei die deutsche Domain frei gewesen, es habe sie für einen Euro gegeben, sagt der Gründer. Für die amerikanische Adresse zahlten die Brüder 10.000 Euro. Sie bauten eine Landingpage, auf der stand „Jetzt anmelden und Test-Esser werden” und sammelten E-Mail-Adressen. Danach gab es mehr als hundert Vorbestellungen für Suppen, so die Gibischs.

Damit endete allerdings auch die anfängliche Euphorie. „Es war sehr schwer, an das erste Kapital zu kommen”, erzählt Daniel. 40.000 Euro kratzten die Brüder aus Erspartem und einem Privatkredit zusammen. Es sollte reichen, um sechs Sorten Suppe zu entwickeln und etwa 5.000 Gläser davon herzustellen. Die Brüder mieteten sich nachts in einem Restaurant ein, wo sie mit Studenten Suppen einweckten. Doch schon nach wenigen Stunden verwandelten sich die Brühen in eine schimmelige Masse. Es war klar: Ein Profi-Hersteller musste her. Die Gibischs schrieben ein paar an, doch für 5.000 Suppen wollten die ihre Maschinen nicht anstellen. Erst ab 50.000 werde es für sie interessant, sagt Denis. Schließlich fanden sie einen Produzenten in Italien, der eine neue Anlage testen wollte. Ihm kamen die wenigen Suppen des Startups gerade recht.

Dann die nächste Hürde: Die Brüder sprachen bei Bioladen-und Supermarkt-Besitzern vor. Doch kaum einer wollte ihr Produkt listen – und wenn, dann nur zu schlechten Konditionen. „Damals haben wir ein paar Deals gemacht, die wir so nicht hätten zusagen dürfen”, sagt Denis. Das Geld für Suppen war alle, die Bestellungen stockten, es war die kritischste Phase für das Startup.

Vom schweren Start zu DHDL

„Wir wuchsen viel zu langsam”, sagt Denis. In der Branche kann das tödlich sein, weil Konkurrenten das Produkt schnell kopieren können. „2014 war das Thema Food für alle Investoren, die wir angesprochen haben, super uninteressant und langweilig”, erzählt Daniel. Die Gibischs brauchten eine andere Möglichkeit, um die Bekanntheit ohne großes Marketingbudget zu erhöhen. Sie meldeten ihr Startup bei der Fernsehshow Die Höhle der Löwen an, in der Gründer um die Gunst von Geldgebern kämpfen.

In dunklen Sakkos standen sie dort vor den Kameras, schwäbelnd und mit jungenhaftem Charme. Und sie schafften es, drei Investoren von ihren Suppen zu überzeugen: Judith Williams, Frank Thelen und Vural Öger sagten zu, das junge Startup mit 100.000 Euro zu unterstützen. 30 Prozent der Firmenanteile wollten sie dafür. „Eigentlich wollten wir nur den Zuschauer­hype mitnehmen und dann den Deal absagen”, erzählt Daniel. Denn Anteile an ihrer Firma wollten die beiden nicht abgeben. Doch Thelen versprach ihnen ein Millionengeschäft – und die Gründer willigten ein.

LITTLE LUNCH
Wachstumsrate: 1379%
Gründungsjahr: 2014
Kategorie: E-Commerce
Website: www.littlelunch.de

Die richtige Entscheidung, sagen sie heute: „Die Kunden gingen plötzlich in die Läden und fragten nach unseren Suppen.” Plötzlich riefen Einkäufer bei dem Startup an, die zuvor immer wieder abgeblockt hätten. Nach eigenen Angaben ist Little Lunch mittlerweile in 20.000 Märkten im deutschsprachigen Raum gelistet. „So ein Frank Thelen tritt halt einfach die erste Tür beim Rewe ein”, sagt Daniel. Und allein über den Teleshopping-Kanal HSE24 von Williams hätten sie im vergangenen Jahr 20 Prozent ihres Gesamtumsatzes erzielt. Heute halten die Gründer noch 52 Prozent an ihrer Firma. „Mehr Anteile wollen wir aktuell wahrscheinlich nicht abgeben”, sagt Daniel. Wenn sie gerade Geld brauchen, gehen sie zu Banken – und zahlen es mit Zinsen zurück.

Und sie haben dazugelernt und holen sich Expertenwissen: von Herstellern beispielsweise, mit denen sie Suppenrezepte entwickeln. Das Feinkost-Unternehmen Develey hilft ihnen beim Vertrieb. Sie machen Meinungsumfragen, was den Leuten schmeckt. Gut seien Klassiker wie Erbsensuppe, erzählt Denis. Exoten wie Minz-Kokos-Suppe scheiden aus: „Wenn man die 50-Jährige aus dem 10.000-Seelen-Dorf erreichen will, darf man nicht zu fancy sein.” Die beiden wissen heute, dass es einen Unterschied macht, woher die Mango kommt, ob aus Indien oder Südamerika. Und dass nur die richtig gelben gut in der Suppe schmecken. Sie verzichten auf teure Kokosmilch oder Gewürze. Außerdem haben sie mittlerweile fleischhaltige Produkte im Angebot: „Die Zielgruppe der Veganer war auf Dauer zu klein.” Damit befinden sie sich in einer Liga mit Herstellern wie Erasco und Sonnen Bassermann, die seit Jahren Stammplätze in den Supermarktregalen haben. Und: Zu den Suppen kamen Smoothies, um in der warmen Jahreszeit den Absatz halten zu können. Auch hier ist die Konkurrenz, darunter trendige Marken wie Innocent oder True Fruits, groß.

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Angst vor den Wettbewerbern haben die Gibischs nicht. Derzeit lägen ihre Suppen bei rund 40 Prozent aller deutschen Lebensmittelhändler aus, 75 Prozent seien möglich, glaubt Daniel. Hier wollen sie ausbauen und auch andere Länder erschließen, angedacht sind Italien und Polen, womöglich auch die USA. Große Marketingkampagnen seien geplant. Selbstsicher erzählen sie davon, was sie erreicht haben. Es gebe etliche Kaufanfragen von anderen Firmen. Auch wenn das für die Brüder jetzt und in den nächsten Jahren nicht infrage kommt: Für die Zukunft wollen sie es nicht ausschließen. „Wir sind jetzt in einer extrem steilen Wachstumsphase und bevor die stark abflacht, werden wir verkaufen”, sagt Denis. Eine hohe Unternehmensbewertung macht diesen Schritt einfacher. Eine Idee, wie es danach weitergehen kann, haben die beiden auch schon. „Wir haben so viel Erfahrung in dem Lebensmittel-Bereich gesammelt, dass wir die an andere Startups weitergeben können”, sagt Daniel.

Auch heute noch teilen sich die Brüder ein Büro. Aber sie arbeiten nicht mehr 70 Wochenstunden wie vor ein paar Jahren, sondern etwa 50. Die Arbeit ist entspannter geworden. Vor Kurzem sind sie gemeinsam in den Urlaub gefahren, unter anderem auf eine Insel in Kambodscha ohne fließendes Wasser, Strom, Klos. „Wir können Stunden miteinander rumhängen und müssen kein Wort reden”, erzählt Daniel. Zwar gebe es häufig Streit, allerdings dauere der immer nur ein paar Minuten: „Man sagt schnell ,Du Arsch’ und wenn man zehn Minuten später zusammenarbeitet, ist alles wieder in Ordnung.” Dass sie verwandt seien, bringe viele Vorteile. „Ich muss nicht Angst haben, dass er mich über den Tisch zieht”, sagt Denis. Daniel ergänzt: „Man gönnt sich gegenseitig alles.”

Bild: Chris Marxen | Headshots-Berlin.de

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