Wer will, sieht bei Lieferdiensten schwarz

Reuters hat ermittelt, dass die Investments in die Lieferdienst-Branche Ende 2016 deutlich gesunken sind. In der Krise stecken die betroffenen Firmen deswegen nicht.

Wie schlecht steht es wirklich um die Branche der Online-Lieferdienste? Das fragt sich der Nachrichtendienst Reuters in einem aktuellen Artikel und zieht dazu Aussagen von Investoren und eigens recherchierte Zahlen als Belege heran. Die These: Investoren haben den Glauben an die einst vielversprechenden Online-Lieferdienste wie Delivery Hero verloren. Die Firmen hätten zuletzt deutlich weniger Geld von Investoren eingesammelt.

Im vierten Quartal seien „gerade noch ein paar Dutzend Millionen Dollar“ zusammen gekommen, berichtet Reuters. Zum Jahresauftakt 2016 seien es hingegen 1,9 Milliarden US-Dollar gewesen. „Wir haben uns die Branche angesehen und abgewunken“, wird Bene Narasin, Partner bei Early-Stage-Investor Canvas Ventures aus Kalifornien, zitiert. Sein Geld habe er stattdessen in einen Softwareanbieter gesteckt. Auch Brook Porter, ein Partner beim Investor Kleiner Perkins, sehe einen Abwärtstrend für den Markt, heißt es in dem Artikel weiter.

Anzeige
Tatsächlich stimmen die von Reuters ermittelten Investment-Zahlen erst einmal nachdenklich. Investoren setzen seit Monaten verstärkt auf margenstarke Modelle – die Geduld mit Unternehmen, die seit Jahren keine Gewinne erwirtschaften, nimmt ab. Und die neuen Food-Angebote des übermächtigen Uber tun ihr übriges, Geldgeber zu verunsichern. Zudem hat sich der Lieferdienst-Markt in den vergangenen Jahren konsolidiert: Delivery Hero hat mehrfach in den eigenen Reihen zugekauft und sich dem Hauptwettbewerber Just Eat in dessen Heimatmarkt Großbritannien geschlagen gegeben. Langsam kristallisiert sich heraus, wer die Gewinner sind – zumindest bei den etablierten Modellen.

Doch reichen diese Zahlen und Zitate, um einen allgemeinen Abwärtstrend für Lieferdienste festzustellen? Nicht unbedingt. Reuters vernachlässigt einige Aspekte. Wenn mehrere Startups oder junge Unternehmen Anfang des Jahres einen hohen Betrag von Investoren eingesammelt haben, wie aus den Zahlen hervorgeht, ist es nicht verwunderlich, dass Ende des Jahres vergleichsweise weniger Geld floss, weil die Unternehmen bereits mit Geld ausgestattet sind. Der statistische Rückgang der Investments im Laufe eines Jahres bezeugt deswegen nicht zwangsläufig einen Rückgang von Investoreninteresse für den Lieferdienst (zumal die Anzahl der Deals in allen Branchen bereits im drittel Quartal 2016 in Europa merklich zurückging).

Wichtige Player wie HelloFresh oder Delivery Hero arbeiten zudem aktuell auf einen Börsengang hin und haben damit eine große Finanzierung noch vor sich. Üblicherweise sammeln die Unternehmen in den Monaten vor einem geplanten IPO lieber kein Geld auf, sondern sparen Kosten, um die Firma auf baldige Profitabilität zu trimmen. Die Lieferando-Mutter Takeaway ging im September an die Börse. Der Schritt auf das Parkett verlief gut, nach einem kurzen Tief ist der Aktienkurs bald wieder gestiegen und liegt aktuell nahe des – vergleichsweise bescheidenen – Emissionspreises. Für einen Tech-IPO ist das eine durchaus vorzeigbare Entwicklung.

Auch der Börsenkurs des Lieferdienst-Vermittlers GrubHub mit Sitz in Chicago zeigt, dass die Investoren bisher nicht den Glauben verloren haben.

 

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Mark Turnauckas;

Folge NGIN Food auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain