Kantini in Berlin: Es hätte der Food-Court der Zukunft werden können

Food-Courts werden für Shopping-Center und Einzelhändler immer wichtiger. Im Bikini Berlin wurde eine Chance vertan, neue Maßstäbe zu setzen. Ein Kommentar

In Berlin gibt es die wohl lebendigste Food-Szene Deutschlands. Praktisch jeden Tag steht ein Event an, ein Markt oder ein Opening, zu dem die Foodies der Hauptstadt pilgern. Auf Veranstaltungen wie dem Bite Club, der im Sommer regelmäßig verschiedene Street-Food-Stände am Spreeufer versammelt, oder in Locations wie der Markthalle 9 in Kreuzberg, wo schon verschiedene Gastronomen ihre ersten Schritte gewagt haben, kristallisierten sich mit der Zeit gefragte Food-Startups heraus. Meist weiß der kulinarisch versierte Berliner schon, dass er viel mehr Zeit für das Schlangestehen einplanen muss als für das Essen. Geschäfte wie Bun's Mobil oder Fräulein Kimchi sind ein Garant dafür, dass das jeweilige Event ein Publikumsmagnet wird.

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Nun hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass gastronomische Angebote auch für den Einzelhandel immer wichtiger werden. Bei Ikea gehörte es schon immer zum Konzept, dass Essen und Shoppen miteinander kombiniert werden. Inzwischen bieten immer mehr große Einzelhändler Möglichkeiten zum Essen an. Supermärkte beziehen teils sogar mehrere gastronomische Angebote in ihre Ladenfläche ein, viele Shopping-Malls haben ihren Food-Court in den vergangenen Jahren mehrfach vergrößert.

Shopping-Center suchen gezielt nach Gastronomen, die Besucher anziehen. Gastronomen suchen nach Standorten, an denen sie kostengünstig ein festes Standbein errichten können, ohne gleich ein ganzes Restaurant betreiben zu müssen – es scheint eigentlich nur allzu naheliegend, diese beiden Trends zu kombinieren.

Es kommt, wer zu faul ist, Schlange zu stehen

In Berlin hat nun ein Food-Court eröffnet, der die Hoffnung weckte, hier könnte es tatsächlich ein Einkaufszentrum schaffen, die Kunden mit einem echten kulinarischen Hotspot anzulocken. Das Shopping-Center Bikini Berlin am Bahnhof Zoologischer Garten hat am vergangenen Wochenende Kantini eröffnet, ein „Foodmarket“, der als „innovatives Food-Erlebnis“ angekündigt wird. Doch nach dem ersten Besuch macht sich Ernüchterung breit: Hier ist kein neues gastronomisches oder konzeptionelles Highlight entstanden – hier ist ein Beispiel zu bewundern, wie man trotz guten Willens meilenweit am Ziel vorbeischlittern kann. 

Denn Kantini versammelt nicht die Restaurants, für die irgendjemand in Berlin Schlange stehen würde. Hier findet man auch nicht die Food-Trucks, die sich bisher so rar gemacht haben, dass ihre Fans ihnen auf jeden Food-Markt folgen würden. Nein, Kantini versammelt stattdessen die Restaurants, in die man gehen würde, wenn die Schlange beim Restaurant der Wahl wirklich viel zu lang ist oder wenn die Burger Buns beim favorisierten Food Truck schon aus sind.  

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Geschäfte wie Djimalaya oder Royals and Rice, das auch Filialen in Oldenburg oder Münster hat, sind solide Restaurants, sicher. Doch es sind eben auch zwei der wenigen in Berlin-Mitte, in die man auch am Samstagabend gefahrlos ohne Reservierung gehen kann. Dazu kommt dann noch Pasta Deli, eine Art mageres Vapiano, das schon vier andere Filialen in Berlin und drei weitere in Moskau hat. Gut für die Mittagspause, aber wahrlich kein innovatives Gastro-Konzept. Der Weg zu den üblichen Food-Courts mit Nordsee, Wok2Go und McDonalds ist da nicht mehr allzu weit. Dazu gesellt sich dann noch ein Currywurst-Stand, der das Berliner Traditions-Fast-Food in verschiedensten Varianten neu erfinden will. Originell!

Shopping-Center sollten auf Food-Trends setzen

Nun mag man einwenden, dass ein Shopping-Center keine Szene-Geschmäcker befriedigen muss, sondern die breite Masse ansprechen sollte. Dieses Argument sollte allerdings schon anderen Food-Courts nicht als Ausrede für mangelnde Experimentierfreude dienen – auf das Bikini trifft er aber im Besonderen nicht zu.

Denn das Bikini hält sich zu Gute, eine Konzept-Mall zu sein. Hier sollen eben nicht die Mainstream-Läden zu finden sind, sondern ausgewählte Designer. Gerne auch junge Kreativschaffende, die sich noch kein richtiges Ladengeschäft leisten können und stattdessen temporär auf eigens eingerichteten Pop-Up-Flächen ihre Produkte präsentieren können.

Die VIP-Eröffnung von Kantini in der vergangenen Woche war gut besucht.

Die VIP-Eröffnung von Kantini in der vergangenen Woche war gut besucht.

Auch wenn diese Idee bisher nur von mäßigem Erfolg gekrönt war, so haben die Ankündigungen des Food-Courts doch darauf schließen lassen, dass von diesem Anspruch keinen Millimeter abgerückt werden sollte. Davon zeugt auch das ambitionierte Interior-Konzept von Studio Aisslinger, mit dem Kantini aufwartet. Bei der boomenden Street-Food-Szene in Berlin wäre es für das Bikini nur allzu naheliegend gewesen, Gastronomen, die bisher nur einen Food-Truck haben, den Einstieg ins stationäre Geschäft zu ermöglichen. 

Es wäre auch die Chance gewesen, die neue Bedeutung der Gastronomie für den Einzelhandel auf die Spitze zu treiben: Die Kunden gehen nicht shoppen und essen nebenbei ein bisschen – nein, die Kunden gehen jetzt essen und shoppen nebenbei ein bisschen. Die Wahrscheinlichkeit, dass zahlungsfreudige Foodies den Weg zum Ku'damm auf sich genommen hätten, wäre sehr hoch gewesen. Doch für die Restaurants im Kantini setzt wohl kaum jemand einen Fuß in die U-Bahn.

Wie man die richtigen Player der Gastroszene auswählt, zeigt das KaDeWe nur ein paar hundert Meter weiter. Hier sind etwa mit dem Thai-Restaurant Papaya oder den BBQ-Spezialisten von PigNut Gastronomen mit kleinen Ständen vertreten, die die Entwicklung in ihrer kulinarischen Richtung prägen. Es hätte nur allzu gut gepasst, wenn das Bikini solchen Gastro-Startups ebenfalls eine Bühne geboten hätte. Doch sollte das wirklich die Absicht gewesen sein, ist man meilenweit am Ziel vorbeigesegelt.

Bilder: Bikini Berlin

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