Ist Kaffee doch viel gesünder als gedacht?

Ist Kaffee schädlich oder gesund? Das untersuchen Forscher schon lange. Nun zeigt eine Langzeitstudie: Kaffeetrinker sterben seltener vorzeitig.

Wenn es mit den Studien so weitergeht, dann steht der Kaffee kurz vor seinem Aufstieg in die Liga von Chiasamen, Blaubeeren und Quinoa-Spirulina-Smoothies. Es ist eine erstaunliche Entwicklung. Ziemlich lange galt Kaffee als Gesundheitsgefahr, verkalkte Arterien, Herztode und sogar Krebserkrankungen wurden ihm angelastet.

Vor etwa zehn Jahren schwenkten die ersten Forscher auf Entwarnung um, dann ging es eine Weile hin und her, verschiedene Krankheitsbilder, Kaffeemengen und Zubereitungsarten wurden untersucht. Man erfuhr, dass Kaffee die Arterien sogar vor Verkalkung schützen kann. Insgesamt überwogen bald die Entwarnungen.

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Nun ist eine große neue Forschungsarbeit erschienen, die sich fast schon wie eine Empfehlung für ein neues Superfood liest. „Kaffee kann gesundheitliche Vorteile bieten“, lautet das Fazit der Autoren, die aus halb Europa stammen. Und zwar ziemlich viele Vorteile, die nicht auf das eine oder andere Gesundheitsproblem beschränkt sind.

Kaffeetrinker essen mehr Fleisch

Kaffeetrinken reduziert das Risiko des vorzeitigen Sterbens insgesamt, haben die Forscher errechnet. Ihre Studie liefert keine Ursache-Wirkung-Beweiskette, sie haben nicht das Kaffeetrinken gegen ein Placebo gestestet, sondern Daten ausgewertet. Sehr große Mengen an Daten.

Die Daten stammen aus einer europäischen Langzeitstudie namens Epic, die Zusammenhänge zwischen Krebserkrankungen und Ernährung aufdecken soll. Fast eine halbe Million Menschen aus West- und Südeuropa machten mit, darunter etwa 50.000 Deutsche. Sie gaben auch an, wie viele Tassen Kaffee sie am Tag trinken. Mit diesen Angaben haben die Forscher der Kaffeestudie gearbeitet. Und mit den Sterberegistern der zehn Länder. Bei Langzeitstudien wartet man ab, wie sich Dinge entwickeln.

Im Mittelwert waren 16 Jahre vergangen, als die Forscher prüften, wie viele Studienteilnehmer noch lebten, woran die anderen gestorben waren. Und ob Kaffeetrinker oder Kaffeevermeider bei der Lebenserwartung besser abgeschnitten hatten. Die Forscher versuchten, Störfaktoren aus der Bilanz zu rechnen – Kaffeetrinker essen mehr Fleisch und weniger Gemüse als Kaffeevermeider, sie rauchen häufiger und bewegen sich weniger.

Man möchte nach Lektüre der Studie fast sagen: Immerhin trinken sie ihren Kaffee! Größere Mengen erwiesen sich sogar als günstiger, drei Tassen am Tag scheinen eine gute Dosis. Kaffeetrinker starben vor allem seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und an Erkrankungen des Verdauungsapparats. Zu diesem Apparat gehört die Leber, die offenbar ganz besonders profitiert.

Nur das Risiko für eine Krebserkrankung steigt

Aus kleineren Studien an Mäusen ist bekannt, dass Kaffee das Fortschreiten der gefürchteten Leberzirrhose, auch Fettleber genannt, verzögern kann. Im Rahmen der Epic-Langzeitstudie wurden auch Blutproben von etwa 17.000 Teilnehmern untersucht. In den Proben der Kaffeetrinker unter ihnen fanden sich Biomarker, an denen man ablesen kann, dass ihre Leber besser funktionierte.

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Die Forscher fanden überhaupt nur eine tödliche Gefahr, die mit dem Kaffeekonsum stieg: Frauen starben eher an Eierstockkrebs. Für diesen Zusammenhang gebe es bisher überhaupt keine Erklärung, nicht mal den Ansatz einer Erklärung.

Insgesamt überwogen aber klar die Vorteile, das galt für Espresso übrigens ebenso wie für Filterkaffee. Es fanden sich keine Unterschiede zwischen den Ländern. In Dänemark tranken die Teilnehmer ihren Kaffee fast aus Töpfen, Frauen wie Männer kamen auf durchschnittlich 900 Milliliter am Tag, in keinem Land schafften die Leute mehr. In Italien tranken die Teilnehmer die kleinsten Tässchen. Italienische Männer kamen auf 91, Frauen auf 93 Milliliter am Tag, ein Zehntel der Dänen. Für die Gesundheit machte das keinen Unterschied, vermutlich, weil die Dänen vor allem viel mehr Wasser zu sich nahmen.

Es spielte auch keine Rolle, ob Koffein in der Tasse war oder nicht. Kaffee hat Hunderte weitere Inhaltsstoffe, deren Wirkungen auf den Menschen kaum erforscht sind, was viele weitere Kaffeestudien erwarten lässt.

Ob man bisher Abstinenten zum Kaffee raten soll? Die Forscher sprechen sich für „vorsichtiges Abwiegen“ aus. Noch.

Dieser Text erschien zuerst in der Welt.

Bild: Gettyimages/Mike Harrington

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