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Die Wein-Punks

Die Geile-Weine-Macher Michael Reinfrank und Sedat Aktas (Mitte und rechts) zusammen mit Business Angel Kolja Orzeszko (links)

Edle Tropfen gibt es in der Vinothek. Doch die wirkt angestaubt und elitär. Ein Mainzer Startup will Wein darum einem jungen Publikum schmackhaft machen.

Darauf, dass sich hinter den Mauern des Altbaus ein Weinhändler verbirgt, deutet auf den ersten Blick wenig hin. In dem Gebäude an der Kaiserstraße in Mainz sind Ärzte, Rechtsanwälte und eine Zeitarbeitsfirma untergebracht. Nur ein Klingelschild sticht hervor: „Geile Weine“.

Im Erdgeschoss des Hauses sitzt Sedat Aktas vor einem Holzregal, das bis unter die Decke reicht. Darin: Weinflaschen, Hochprozentiges und Krimskrams. Aktas trägt eine schwarze Mütze und einen graublauen Kapuzenpulli, vor ihm auf den Tisch hat er zwei Smartphones gelegt. Dass einer wie er mit dem Verkauf von Wein sein Geld verdient, mag ungewöhnlich erscheinen. Doch Aktas, 39, ist kein einfacher Weinhändler und sein Unternehmen keine einfache Weinhandlung. Vor vier Jahren gründete er zusammen mit dem gelernten Winzer Michael Reinfrank einen Onlineshop für Weine, für Geile Weine, wenn man dem Firmennamen glauben will.

Die Tropfen, die sie über ihre Seite verkaufen, heißen „Flying Pig“, „Mouth Bomb“ oder „Dreck und Speck“. Zungenbrecher wie Cabernet Sauvignon oder Châteauneuf-du-Pape finden sich höchstens im Kleingedruckten. Die Rebsorte oder die Herkunft des Weins können sich die Nutzer zwar anzeigen lassen, im Vordergrund steht aber die Gelegenheit, zu der der Wein getrunken werden soll. Danach wird gefiltert. Zum Renovieren empfiehlt die Seite zum Beispiel die Weinschorle „Wilde Susi“, fürs erste Date einen Grauburgunder mit Bananen- und Melonen-Aromen. Den Anlass zum Wein, so die Annahme der Gründer, kennt jeder Laie. Seinen Säuregehalt nicht.

Eine Gegenbewegung zu hochnäsigen Händlern

Das soll auch der Firmenname „Geile Weine“ deutlich machen: „Wenn Winzer über einen Wein sprechen, sagen sie nicht, wie blumig er im Abgang ist, sondern dass sie ‚geilen Stoff‘ im Keller haben. Daran haben wir uns orientiert“, so Aktas. Der studierte Medienmanager hat es einem Schlüsselerlebnis zu verdanken, dass er heute der Chef eines Wein-Shops ist. Denn eigentlich habe er mit dem Thema nie etwas zu tun gehabt, erzählt er. Bis er für eine Geburtstagsfeier in Düsseldorf ein Geschenk besorgen wollte und auf dem Weg dorthin bei einem Weinladen Halt machte. „Der Verkäufer fragte mich damals, welche Rebsorte ich ‚präferierte‘“, erzählt Atkas. „Ich habe ihm erklärt, dass ich nicht weiß, was eine Rebsorte ist. Nach weiteren fachlichen Fragen, die ich nicht beantworten konnte, war die Antwort des Händlers: Vielleicht finden sie in einem Supermarkt eher etwas. Das hat mich total geärgert.“ Genervt ging Aktas ohne Wein auf den Geburtstag. Danach entspann sich aus dem Erlebnis eine Geschäftsidee.

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Für die fachliche Unterstützung kam er schnell auf Michael Reinfrank, den Aktas durch die Arbeit bei seiner Kommunikationsagentur kannte. Reinfrank war schon damals Inhaber der Weinraumwohnung, einem Ladengeschäft in Mainz, in dem vor allem junge Leute Weine mit Hipster-Etiketten kaufen. „Vieles, was ich mir vorgestellt hatte, deckte sich mit Michaels Gedanken zur Weinraumwohnung“, so Aktas. Die beiden vereinbarten, die Idee größer zu machen, erst einmal im Rhein-Main-Gebiet, mit einem Ladenkonzept. Doch schnell wurde klar: Im persönlichen Gespräch mag es Reinfrank leicht fallen, zu überzeugen. Ein Experte in T-Shirt und Turnschuhen kann bei einem jungen Publikum leicht Hemmschwellen abbauen. „Aber Michael ließ sich nun mal nicht klonen“, witzelt Aktas. Also entschieden sie sich dazu, ihre Idee von einer Anti-Altherren-Weinhandlung online umzusetzen. Hier sollte Wein eckiger, punkiger, cooler rüberkommen – nicht nur als Getränk für die Generation 50 plus.

Geile Weine startete 2013, dazu investierte Aktas sein Erspartes. Deutschlandweit dachten die Gründer damals noch nicht. Als aber schon nach kurzer Zeit Bestellungen aus Hamburg und Berlin eintrafen, mussten die Gründer umschwenken: Vielleicht hätten sie zu klein gedacht, und ihr Konzept könnte auch bundesweit funktionieren.

Seine Wein-Events veranstaltete das Startup deshalb zunächst in Hamburg und Berlin, inzwischen ist es mit der Reihe in 14 deutschen Städten vertreten. Die Veranstaltungen finden zu bestimmten Themen statt, die auf der Seite als sogenannte „Weinmomente“ gelistet sind, zum Beispiel Zweisamkeit oder Wochenende. Die Events nutzt das Team, um zu überprüfen, ob etwa der Roséwein „The Strawberry“, den die Wein-Fachleute um Reinfrank in die Kategorie „Mädelsabend“ einsortiert haben, auch nach Ansicht der Kunden zu diesem Moment passt.

Geile Weine Bild

Bei Geile Weine steht nicht nur Rebensaft im Regal. Bild: Elisabeth Neuhaus

Die Wein-Welt ist ein Dorf

Anfangs stellte Mitgründer Reinfrank den Kontakt zu den Winzern her. Die zeigten sich erst einmal skeptisch. Mit einem Unternehmen zusammenarbeiten, dass Geile Weine heißt? Das passte nicht in die konservative Welt der Winzer. Gerade im ersten Jahr war daher viel Überzeugungsarbeit gefragt. Geholfen habe dabei, dass Reinfrank vom Fach ist, nicht „irgendein Marketing-Heini“, wie Aktas sagt. Man habe den Winzern zudem klar machen müssen, dass man an eine langfristige Zusammenarbeit denke, und nicht nur an den Abverkauf. Das ist bei Winzern, die weniger in Jahren als in Generationen denken, ein entscheidender Punkt. Ein positives Verhältnis ist laut Aktas auch deshalb wichtig, weil sich in der Wein-Branche viel herum spricht – „wie in einem Dorf“, so der Gründer.

Mittlerweile schicken einige Winzer von sich aus Flaschen nach Mainz, insbesondere die jungen Weinbauern, aber auch ältere, die ihre Marken neu positionieren wollen. Die Hälfte der auf der Seite vertretenen Winzer sind um die 30 Jahre alt, so Aktas. Auch die Abnehmer der Weine sind jung, laut Aktas sind 90 Prozent der Kunden jünger als 49 Jahre, die meisten davon zwischen 25 und 35. Das ist gerade für Weingüter interessant, die neue Zielgruppen erschließen möchten.

Das Laien-Konzept der Gründer scheint anzukommen: „Wir haben es geschafft, unser Ergebnis seit dem Start fast jedes Jahr zu verdoppeln“, sagt Aktas. Und: 2017 werde das Unternehmen erstmals schwarze Zahlen schreiben. Vor Kurzem eröffnete das inzwischen aus zwölf Leuten bestehende Team ein 750-Quadratmeter großes Lager in Mainz-Hechtsheim. Letztes Jahr verschickte es eigenen Angaben zufolge über 100.000 Flaschen. Zwischen 40 und 80 Bestellungen würden am Tag bearbeitet, ein durchschnittlicher Warenkorb liegt Aktas zufolge zwischen 60 und 70 Euro.

Doch es gibt etliche Online-Weinhändler am Markt. Neben Startups wie dem ebenfalls in Mainz ansässigen Wein-Marktplatz Vicampo oder dem Berliner Weinclub Wine in Black sind im Netz längst auch traditionelle Händler wie die Hamburger Hawesko Holding, einem der größten Weinverkäufer Europas, aktiv. Selbst Aldi Süd startete vor Kurzem einen „digitalen Weinberater“. Wie sich Geile Weine von diesen Anbietern unterscheiden möchte, zeigt ein Blick auf die Webseite: Zielgruppe sind keine Weinkenner, sondern Einsteiger. Wie aromatisch oder weich der Wein sein soll? Rot oder weiß? Für Geile-Weine-Kunden ist das offenbar Nebensache.

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Die zweite Investment-Runde ging daneben

Externes Kapital gab es für Geile Weine erstmals vor drei Jahren, bei einer Crowdfunding-Kampagne sammelte das Startup 200.000 Euro ein. Einen Schönheitsmakel gibt es in der jungen Unternehmensgeschichte aber: Getrieben von der ersten erfolgreichen Crowd-Partie wollten es die Gründer noch einmal versuchen, diesmal mit einer Equity-Runde auf der Investment-Plattform Bergfürst. 500.000 Euro sollten es werden, doch das Geld kam nicht zusammen, es fanden sich zu wenige Investoren. Aktas führt den Fehlschlag auf die Umstrukturierungen bei Bergfürst zurück, damals gab die Plattform ihre Banklizenz ab. Deshalb sei Geile Weine auf strategische Privatinvestoren umgestiegen.

Heute ist die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB) bei Geile Weine investiert. Auch Business Angels haben sich an dem Startup beteiligt, darunter der TrueFruits-Gründer Nicolas Lecloux und MyMuesli-Gründer Max Wittrock.

Als nächstes möchten die Geile-Weine-Macher zum Beispiel eine Same Day Delivery für Großstädte realisieren. „Auch das Thema Weinladen würde ich gerne noch einmal aufgreifen. Wir glauben nämlich nicht, dass der Offline-Handel mit Wein eines Tages komplett ersetzt wird“, so Aktas.

Im Besprechungsraum mit dem deckenhohen Holzregal und den Weinflaschen sprudeln die Geschichten und Pläne nur so aus dem Gründer heraus. Doch er sei zu perfektionistisch, als dass er gleich alles in die Tat umsetzen und seine Vorhaben in die Welt hinausbrüllen wolle. Da warte er lieber noch ein bisschen. Die Geschwindigkeit, in der sich sein Unternehmen entwickelt, gefällt ihm. Er habe gute Erfahrungen damit gemacht, Dinge besonnen anzugehen.

Ist Sedat Aktas durch sein Startup nun selbst zum Weinexperten geworden? „Heute habe ich zwar einen geschulteren Geschmack als vor drei Jahren, richtig Ahnung von Wein aber immer noch nicht“, gibt er zu und lacht. Wenn ihn der Düsseldorfer Weinverkäufer heute fragen würde, welche Rebsorte er bei Wein präferiert, könnte er das wohl immer noch nicht genau sagen. Wozu auch? Jetzt reicht es, wenn er weiß, wann er ihn trinken will.

Bild: Geile Weine

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