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Authentisch, naturbelassen, handgemacht – die heile Welt der Food-Startups

Kaffeebereitung bei Blue Bottle. Wie zu Großmutters Zeiten.

Plötzlich wollen alle zurück zu den „echten“ Nahrungsmittel-Produkten. Handgemacht, rein und authentisch. Was steckt hinter dem Trend? Ein Erklärungsversuch.

Echt soll unser Essen heute sein. Edel, authentisch und natürlich. Das Wort „Zusatzstoffe“ klingt inzwischen wie eine Bedrohung. Noch vor drei Generationen ging es in vielen deutschen Familien darum, überhaupt etwas Nahrung auf den Tisch des Hauses zu bringen. Nachdem nun, zumindest in der westlichen Welt, alle ausreichend mit Nahrung versorgt sind, geht es jetzt mit voller Kraft zurück in die vorindustrielle Zukunft.

Denn auch das Wort „Nahrungsmittelindustrie“ reicht heute aus, um dem jungen, irgendwie kritischen Verbraucher unwohlige Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Ganz zu schweigen von „Genfood“. Auch wenn man eigentlich gar nicht so genau weiß, was das eigentlich zu bedeuten hat. Es ist mehr so ein schlechtes Gefühl.

Zurück zur Muttererde

Aber Fakten und Forschung sind egal. Wir wollen unbedingt zurück zu heimatlichen Scholle. Zur Muttererde. Zum einfachen, unbehandelten Produkt, so wie die Natur es für uns wachsen lässt. Am besten im eigenen Garten, wie bei den Großeltern. Ganz ohne störendes menschliches Zutun. Da fühlen wir uns sicher. Was daran besser sein soll, ist nicht so richtig klar, geschweige denn bewiesen – eher umstritten.

Aber aus diesem Gefühl heraus, das inzwischen zum Zeitgeist wurde, ist eine unübersichtliche Menge von Food-Startups entstanden. Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie bieten wenige Produkte an, um die sie sich dann aber intensiv kümmern. Ihr Versprechen: Wir kennen uns damit richtig gut aus und liefern euch ein authentisches, reines, gesundes Produkt, das es so nirgendwo sonst gibt.

Da ist zum Beispiel Reishunger. Wer hat jemals über Reis nachgedacht? Eben. Diese Gründer schon. Nach all den Jahren mit Reis, der nach gar nichts geschmeckt hat, will uns Reishunger mit dem zur beliebigen Sättigungsbeilage verkommenen Produkt versöhnen. Denn Reis gibt es genau wie Wein oder Schokolade in den verschiedensten Varianten. Nussig, cremig, körnig. Nach einem Einkauf im Reishunger-Webshop ist der Kunde plötzlich Experte in Sachen Langkorn, Basmati oder Risotto. Nur was man kennt, kann man auch bewusst genießen. Und natürlich ist man dann auch bereit, mehr Geld dafür zu zahlen. Zeit- oder Geldmangel scheint bei vielen jungen Leuten jedenfalls keine größere Rolle mehr zu spielen.

Stil wird als Luxus missbilligt

Genuss hat in Deutschland eigentlich einen schlechten Ruf. Am beliebtesten ist nach wie vor die Geschmacksnote „superbilliges Sonderangebot“. Bei Bekleidung ist vor allem Funktionalität gefragt, nur selten das Aussehen. Das Leben hier ist anscheinend hart, man will sich schützen vor all den Unübersichtlichkeiten der Welt da draußen, obwohl wir in unserem Land im internationalen Vergleich nicht sehr viel auszustehen haben. Guter Geschmack, Stil und Exzentrik werden misstrauisch beäugt und als überflüssiger Luxus missbilligt. Aber die meisten Food-Startups vermeiden es geschickt, als elitär und abgehoben verdächtigt zu werden.

Ihre Verpackungen sind zwar aufwändig und modern gestaltet. Aber sie verbreiten immer einen Hauch von gemütlicher Manufaktur. Sehen immer ein bisschen so aus, als ob der Tante-Emma-Laden von heute die Ware per Hand abgewogen und eingepackt hätte.

Die Kaffeekette Elbgold in Hamburg spielt mit dem heimatlichen Hafen als stets präsentes Motiv, um ihr Produkt authentisch erscheinen zu lassen. Dazu gibt es eine Dekoration mit Kaffeesäcken und Kisten – die Ausstattung der traditionsreichen Speicherstadt. Das Signal: Hamburg war immer schon Umschlagplatz für Kaffee, wir beleben diese Tradition und kennen uns aus mit diesem Produkt. Besser als die Heinis vom Supermarkt um die Ecke. Oder gar die Amis von Starbucks.

Blütenweiße Unschuld, unschuldige Natur

Der Delikatess-Laden Mutterland bietet selbst hergestellte oder ausgewählte Delikatessen „made in Germany“ an. Auf der Homepage heißt es: „In unserem Hauptgeschäft erhalten Sie unser gesamtes Sortiment heimischer Delikatessen der 200 familiengeführten Manufakturen.“ Es gibt sie also noch, die guten Dinge. Für das gute Gefühl. Auch per Online-Versand. Mutti ist eben immer noch die Beste.

Dazu trinken wir natürlich eins der Craft-Biere. Die kleinen Privatbrauereien schießen wie Pilze aus der Erde. In den USA ist die Kaffeekette Blue Bottle geradezu explodiert, bei der der Kaffee wie bei Oma per Hand und Filter aufgebrüht wird. Handverlesenen Tee gibt es von 5 Cups and some sugar oder Lieblingstee. Die Gewürzhelden, Ankerkraut oder Just Spices versorgen uns mit „einer riesigen Auswahl an reinen Gewürzen von höchster Qualität“.

Rein muss alles sein. In unsere Körper lassen wir nur noch blütenweiße Unschuld und unverdächtige Natur. Meisterwerk und Brotliebling wollen das traditionelle Bäckerhandwerk wieder aufleben lassen und uns von der schlimmen Industrieware erlösen. Lizza hat sich einen gesunden Pizzateig einfallen lassen, der aber leider nicht jedem schmeckt.

Unser wunderbares Milchpulver

Die verbissenste und beispielhafte Diskussion in Sachen Essen tobt aber um Babynahrung. Zurück zur Natur ist auch hier das Thema: Mütter sollten doch ihre Säuglinge mit ihrer eigenen Milch stillen, sagt die eine Seite. Das sei ja viel natürlicher und hätte eine Menge gesundheitlicher Vorteile. So richtig bewiesen ist das allerdings nicht.

Die andere Seite verweist darauf, dass die Frauen in vielen Teilen der Welt froh wären, wenn sie unser wunderbares Milchpulver für ihre Babys zur Verfügung hätten. Außerdem sei Milch aus der Flasche eine Erleichterung im anstrengenden Alltag mit einem Neugeborenen. Die Babys können uns hier leider mangels sprachlicher Ausdrucksfähigkeit nicht weiterhelfen. Wahrscheinlich würde sie auch niemand fragen.

Vielleicht hilft es, wenn wie das Thema Essen weniger ideologisch angehen. Ein Gedanke vieler Food-Startups ist ganz sicher richtig: Ein bisschen mehr Interesse an dem, was wir jeden Tag zu uns nehmen, kann nicht schaden.

Aber klar ist auch, dass in der Geschichte unseres Landes noch nie so viel und so gutes Essen für alle auf den Tischen gestanden hat. Amtlich geprüft, akribisch überwacht, sauber und gesund. Die Verantwortung für unsere persönliche Ernährung können wir nicht delegieren, wie es sich die Kritiker der Nahrungsmittelindustrie offenbar wünschen. Am Ende liegt es immer noch in unserer eigenen Verantwortung, was wir auf den Tisch kommt. Mahlzeit!

Foto: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von saaleha

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