Der Veggie-Boom hat seinen Zenit überschritten

Erstmals seit Beginn des Veggie-Booms verzeichnen Fleischersatz-Produkte sinkende Verkaufszahlen. Produkte aus Tofu oder Erbsen kommen bei den Verbrauchern nicht gut an.

Christoph Maria Herbst ist überzeugter Vegetarier, Rugby-Nationalspielerin Johanna Jahnke zählt sich dazu. Eine Zeit lang sah es so aus, als bildeten sie die Vorhut einer stetig wachsenden Bewegung von Menschen, die den Fleischkonsum ablehnen– um Tiere zu schützen, aus gesundheitlichen Gründen oder auch „weil ein vegetarischer Lebensstil das Klima schützt“, wie die Grünen-Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch auf der Website des Vegetarierbundes bekennt.

Als Alternative gelten die neuen Produkte mit Fleischersatz wie Veggie-Wurst oder Sojaschnitzel. Wenn schon kein Fleisch, dann wenigstens etwas, das so ähnlich aussieht und so ähnlich schmeckt, so der Gedanke. Doch für viele, ob Vollzeit- oder Teilzeitvegetarier, sind die Produkte offenbar eine Enttäuschung.

Erstmals seit vielen Jahren sinkt derzeit der Verkauf von Fleischersatzprodukten, beobachtet die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Zunächst habe sich das Wachstum überraschend schnell abgeschwächt und sei dann ganz zum Erliegen gekommen. „Seit September, Oktober sind die Verkäufe rückläufig“, sagte eine Sprecherin. Ein Rückschlag für die Vegetarierbewegung?

„Viele Verbraucher haben das mal ausprobiert. Aber ein großer Anteil davon hat es auch bei dem einmaligen Versuch belassen“, fasst GfK-Experte Helmut Hübsch die Eindrücke der Marktforscher zusammen. Geschmack und Konsistenz haben offenbar nicht immer überzeugt. „Wir haben einen relativ hohen Anteil von Einmalkäufern.“ Dazu passen frühere Analysen, nach denen viele Käufer eine moderate Haltung beim Fleischverzicht einnehmen. Sie wollen einerseits etwas für Tierschutz und die eigene Gesundheit tun, andererseits aber nicht völlig auf ein gutes Steak oder eine erlesene Pastete verzichten.

Mehr als jeder Zweite ist ein Flexitarier

Marktforscher nennen diese Gruppe „Flexitarier“. Dazu rechnet sich nach eigenen Angaben mehr als ein Drittel aller Haushalte in Deutschland. „Damit ist diese Gruppe etwa sieben Mal so groß wie die Zahl der Haushalte, in denen mindestens ein Vegetarier lebt“, so GfK-Experte Wolfgang Adlwarth. In einer Befragung von TNS Infratest gaben sogar 56 Prozent der Deutschen an, sie würden sich flexitarisch ernähren.

Mit anderen Worten: Die Flexitarier entscheiden viel stärker über den Markterfolg von Fleischalternativen als die tief überzeugten Vegetarier und Veganer. Auf beide Gruppen zielen Newcomer wie der Biogemüseanbieter VeggiePur, aber auch die etablierte Fleischindustrie mit einer Welle neuer Produkte ab. Beim Wursthersteller Rügenwalder Mühle beispielsweise wird bereits ein Fünftel des Sortiments aus Fleischersatzstoffen wie Soja, Erbsen, Ei und Lupinen hergestellt. Viele andere Erzeuger folgten dem Beispiel.

Offenbar lässt sich die Lust auf Fleisch aber nicht so einfach abschalten. Laut TNS Infratest haben 27 Prozent der Deutschen schon einmal versucht, weniger Fleisch zu essen, es dann aber nicht durchgehalten. Nach GfK-Zahlen haben mehr als 14 Millionen Haushalte im vergangenen Jahr mindestens einmal pflanzliche Brotaufstriche oder andere Fleischersatzprodukte erworben. Flexitarier waren dabei führend: Sie kauften viermal so viele Ersatzprodukte wie Nichtflexitarier. Doch die jüngste Entwicklung lässt erahnen, dass die Neugier auf die pflanzlichen Alternativen zu Fleisch jetzt erst einmal befriedigt ist – und viele Verbraucher wieder abgesprungen sind.

Viele Schadstoffe im Fleischersatz

Mitverantwortlich für den Umschwung könnten auch Untersuchungen der Stiftung Warentest und von Öko-Test gewesen sein, die in den vergangene Monaten Schlagzeilen machten. Öko-Test prüfte im Frühsommer 22 Fleischersatzprodukte auf Schadstoffe, Fett, Salz und Geschmack. Das ernüchternde Ergebnis: Nur ein Produkt bekam von den Testern die Note „gut“, bei knapp der Hälfte der Produkte lautete das Urteil am Ende „mangelhaft“ oder „ungenügend“.

Die Tester kritisierten die „überraschend hohe Belastung“ mit Mineralölbestandteilen bei einigen Produkten, aber auch Überwürzung und die Verwendung glutamathaltiger Zusätze, um den Produktgeschmack auf fleischähnlich zu trimmen. Außerdem bemängelten sie die allzu großzügige Verwendung von Salz bei etlichen Produkten und die „oftmals weiche bis breiige Konsistenz“ der Produkte.

Etwas besser, aber auch nicht wirklich gut, fiel ein Test von 20 Fleischersatzprodukten durch die Stiftung Warentest aus. Zwar bekamen hier immerhin sechs Produkte die Note „gut“. Doch warnten auch hier die Tester vor„hohen Mengen an Mineralölbestandteilen“ in fünf Bratwürsten und einem Veggie-Schnitzel. Und darüber hinaus stellten sie fest: „Einige Veggie-Varianten schmeckten trocken, waren schwer zu kauen oder sehr salzig. Auch sind sie nicht per se kalorienärmer als die vergleichbaren Fleischprodukte.

„Jüngere Menschen sind kompromissloser“

Ob der aktuelle Rückgang das Ende eines Megatrends oder nur eine Delle auf dem Weg zu mehr vegetarischer Ernährung ist, bleibt abzuwarten. Eine Rückkehr zum bedenkenlosen Fleischverzehr wird es nach Einschätzung der meisten Experten nicht geben.

Dafür spricht unter anderem die Tatsache, dass Vegetarismus und Veganismus vor allem bei jungen Konsumenten verbreitet sind. Die Zahl der Vegetarierhaushalte sei hier doppelt bis dreimal so hoch wie bei älteren, so Adlwarth: „Jüngere Menschen sind eben um einiges kompromissloser als die älteren.“

Letzteren gehe es bei der Suche nach Fleischersatz nicht so sehr um moralische Fragen von Tierschutz und Klimaschonung, sondern um die eigene Gesundheit. Was die Generationen eint, ist das Streben nach mehr Nachhaltigkeit. Die Suche nach schmackhaften Alternativen zum Fleisch dürfte also weitergehen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Welt Online.

Bild: Getty Images / Sigrid Gombert

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