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Exklusiv: Delivery Hero und der Traum von der Sechs-Milliarden-Bewertung

Niklas Östberg, CEO von Delivery Hero

Das Berliner Vorzeige-Startup will an die Börse – zu einer immensen Bewertung, wie Gründerszene erfuhr. Doch wie gut geht es Delivery Hero eigentlich?

„Ich hasse es, Geld zu verschwenden“, erklärt Niklas Östberg gelassen. „Das ist das Schlimmste, was du machen kannst.“ Der blasse Skandinavier gibt sich ruhig und lächelt viel – selbst, als er vergangenen Sommer auf der Bühne einer Konferenz von einem Journalisten ausgequetscht wird. Der zurückhaltende Mann leitet eines der wertvollsten Startups Europas: das Essensliefer-Unternehmen Delivery Hero, das zuletzt von seinen Investoren mit mehr als drei Milliarden US-Dollar bewertet wurde.

Östbergs Vision ist es, Delivery Hero an die Börse zu bringen. Bereits seit Jahren wird darüber spekuliert, doch den genauen Zeitpunkt lässt der Geschäftsführer stets offen. Er betont immer wieder, dass er sich nicht drängen lasse – schon gar nicht von seinem Hauptinvestor Rocket Internet. „Da kann Oliver Samwer Druck machen, wie er möchte“, so Östberg in einem Interview.

Aber Rocket hält 37 Prozent an Delivery Hero und benötigt dringend gute Nachrichten. Seit Monaten kämpft die Firmenfabrik mit einem niedrigen Aktienkurs. Der Börsengang einer wichtigen Beteiligung könnte endlich Aufwind geben. Mittelfristig haben da aber nur der Kochboxen-Service HelloFresh oder eben Delivery Hero die relevante Größe. Der geplante HelloFresh-IPO scheiterte jedoch bereits im vergangenen Jahr. Laut Medienberichten, weil Rocket-Chef Oliver Samwer sich eine überzogene Firmenbewertung von mehr als drei Milliarden Euro wünschte.

Bleibt also Delivery Hero. Wie wichtig die Beteiligung für Rocket Internet ist, zeigen die Investments in das Liefer-Unternehmen. Im neuen Börsenprospekt der Firmenfabrik steht, dass Rocket allein im vergangenen Jahr 768 Millionen Euro in Delivery Hero gesteckt hat. Eine enorme Summe: Sie macht mehr als die Hälfte des von der Holding investierten Geldes im Jahr 2015 aus.

Findet Rockets Anliegen nun ein offenes Ohr? Neuerdings fasst Niklas Östberg offiziell Anfang 2017 für den Börsengang ins Auge. Nach internen Unterlagen, die Gründerszene vorliegen, hält Delivery Hero dabei eine Unternehmensbewertung von 4 bis 6,5 Milliarden Euro für möglich. Zum Vergleich: Die Lufthansa ist derzeit etwa 4,5 Milliarden Euro wert. Auf Nachfrage will der Lieferdienst-Vermittler seine Pläne nicht kommentieren.

Für Niklas Östberg wird es eine Herausforderung sein, den Investoren bei der Roadshow den hohen Firmenwert zu erklären. Die angepeilte Bewertung wäre eine massive Steigerung zu den drei Milliarden, mit denen Investoren Delivery Hero vor etwa einem Jahr bewerteten.

2015 machte Foodora 16 Millionen Euro Verlust

Vier, fünf, sechs Milliarden: Wäre eine solch hohe Bewertung gerechtfertigt? Viel ist nicht über die Geschäftszahlen der nächsten deutschen Tech-Hoffnung bekannt. Delivery Hero hat bisher keinen Abschluss für das vergangene Geschäftsjahr veröffentlicht. Kommuniziert wurde nur, dass der Umsatz bei etwa 200 Millionen Euro gelegen habe. Zahlen, die Gründerszene vorliegen, zeigen nun erstmals, wie es um das Unternehmen steht.

Demnach hat die Delivery-Hero-Gruppe 2015 einen Verlust im dreistelligen Millionenbereich eingefahren. Nur in der Türkei und in Skandinavien wurden positive Ergebnisse erzielt. Den internen Unterlagen zufolge lag das Ebitda dort bei rund 840.000 sowie etwa 8 Millionen Euro. Das Geschäft im restlichen Europa verzeichnete einen operativen Verlust von rund 36 Millionen Euro. In Lateinamerika lag das negative Ebitda bei 34 Millionen, in der Region Asien-Pazifik bei 33 Millionen. Auch die Märkte im Nahen Osten beziehungsweise Nordafrika waren mit einem Gesamt-Ebitda von etwa minus 19 Millionen Euro defizitär. Delivery Hero möchte die Zahlen zu einzelnen Geschäftsfeldern auf Nachfrage nicht kommentieren.

Auch die Logistik-Tochter Foodora, die Lieferdienste für Restaurants ohne eigenen Service anbietet, verbrennt noch viel Geld: etwa 16 Millionen Euro im vergangenen Jahr, wie die Unterlagen zeigen. Der Umsatz des Startups, das erst im September von Rocket Internet an Delivery Hero weitergegeben wurde, lag dabei lediglich in einer Größenordnung von um die 4,5 Millionen Euro.

Delivery Hero will auch die Foodora-Zahlen auf Nachfrage nicht kommentieren. Nur so viel: Man sei mit der Entwicklung der Tochter sehr zufrieden – sowohl mit dem Wachstumstempo als auch mit der Wirtschaftlichkeit.

Damit die Erfolgsstory von Delivery Hero hält und die angestrebte hohe Bewertung durchgesetzt werden kann, müsste das Liefer-Unternehmen sein Ebitda massiv verbessern und die Umsätze weiter steigern. Aktionäre an der Börse sind längst nicht so risikofreudig wie Venture-Capital-Geber – wie auch Rocket Internet schon erfahren musste.

Um sich den schwarzen Zahlen zu nähern, hat Delivery Hero in den vergangenen Monaten aufgeräumt. Das Management scheint erkannt zu haben, dass nicht jedes Investment Erträge abwirft – und hat zahlreiche Geschäftsfelder gestrichen, die zu teuer waren. Das Unternehmen schloss seinen Lieferdienst Valk Fleet und entschied sich gegen weitere Investitionen in die Startups Food Express und Take Eat Easy, die beide insolvent gingen. Außerdem entließ Delivery Hero Mitarbeiter im Tech-Team, das viel gepriesene Angebot Urban Taste wurde mit Foodora zusammengelegt und der chinesische Markt mit beinahe 400 Mitarbeitern komplett geschlossen.

The Winner Takes It All: Nur der Marktführer hat beeindruckende Margen

Tatsächlich scheint Delivery Hero nicht zuletzt dadurch ein großer Sprung gelungen zu sein. In einem Bloomberg-Interview verkündete Niklas Östberg kürzlich, profitabel zu sein. Vom Unternehmen heißt es auf Nachfrage, man schreibe nun in der Gruppe und in den meisten Märkten schwarze Zahlen. „Wir erwarten, dass wir in den kommenden Monaten auch in der Gesamtgruppe profitabel werden“, so ein Sprecher. Für das Jahr 2016 rechne man mit einem Umsatz von mehr als 300 Millionen Euro.

Da wäre eine Bewertung von vier bis 6,5 Milliarden Euro immens – selbst für ein Tech-Startup. Durchgesetzt werden kann solch ein Wert nur, wenn die Investoren uneingeschränkt an das Wachstumspotential glauben. Beispielhaft dafür soll das Geschäft in den reiferen Märkten stehen. Delivery Hero bestätigt, dass das Business dort besonders profitabel sei. Unterlagen zeigen, dass die beeindruckende Ebitda-Marge in der Türkei, in Schweden und Finnland bei mehr als 50 Prozent liegt.

Muss man also bloß lange genug durchhalten, bis das Business satte Gewinne abwirft? So einfach ist es nicht. Die Herausforderung bleibt, diverse Märkte zu verstehen. Außerdem ist es entscheidend, immer der führende Anbieter in den Ländern zu werden: Branchenkenner sind überzeugt, dass sich das Geschäft von Lieferdienst-Vermittlern wie Delivery Hero nur dann richtig lohnt. Sonst seien die Margen längst nicht so attraktiv. Ein typischer „The Winner Takes It All“-Markt.

Wie teuer und unangenehm ein solcher Kampf um die Marktführerschaft sein kann, merkt Delivery Hero derzeit mit seiner deutschen Tochter Lieferheld. Sollte Delivery Hero planen, in Deutschland an die Börse zu gehen – was laut Unternehmen noch nicht entschieden ist – wäre der Erfolg im Heimatmarkt ein wichtiges Zeichen für die Investoren.

Noch sieht es allerdings für Lieferheld nicht allzu rosig aus: Der Wettbewerber Lieferando scheint das Portal in Sachen Traffic hinter sich gelassen zu haben, wie Zahlen des Schätzungstools SimilarWeb andeuten. Und dabei ist selbst Lieferando in Deutschland längst nicht profitabel: Allein im ersten Halbjahr 2016 lag der Verlust bei 17,9 Millionen Euro. Bei Delivery Hero sind die Zahlen für den deutschen Markt ein wohlgehütetes Geheimnis.

Auf Nachfrage heißt es nur, der deutsche Markt mache 15 Prozent des gesamten Geschäfts aus. „In diesem Sinne ist er wichtig für uns, auch weil es unser Heimatmarkt ist“, so ein Sprecher. Man wolle in Deutschland weiter kräftig wachsen, achte gleichzeitig auch darauf, „effizient zu investieren und profitabel zu arbeiten“.

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