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Wie ein Unternehmen in Sekunden checkt, was in euren Lebensmitteln steckt

Die BioAnalyt-Geschäftsführerin Simone K. Frey (rechts) mit einer Mitarbeitern und dem Koffer zur Speiseöl-Analyse

Wie viele Vitamine stecken in der Milch? Mithilfe eines Mini-Labors könnten sich Verbraucher diese Frage bald selbst beantworten. Konzerne wie Nestlé nutzen es schon.

Innerhalb von Sekunden haben sich in dem daumengroßen, gläsernen Röhrchen zwei Phasen gebildet. Oben eine klare, unten eine flockig-trübe. Holly McKee schüttelt noch ein bisschen. Dann betrachtet die Marketing Managerin des Biotechnologie-Unternehmens BioAnalyt die Probe, in der sich einige Millimeter H-Milch befinden. Die hatte McKee zuvor aus einem Tetra Pak gezogen und sie in ein Glasröhrchen gespritzt, um sie auf ihren Vitamin-A-Gehalt zu untersuchen. „Unter Schwarzlicht würde das Vitamin A leuchten“, erklärt sie. Das bloße Auge sieht es nicht.

Das Glasröhrchen und die darin enthaltene Chemikalie, die das Vitamin A erkennt, sind wichtige Bestandteile eines unscheinbaren Koffers namens iCheck. An seiner längsten Seite misst er gerade einmal 20 Zentimeter – und soll trotzdem ein ganzes Lebensmittelanalyse-Labor ersetzen, wie McKee demonstriert. Sie steckt das Röhrchen mit der Milch, das ebenfalls Teil des Koffers ist, in ein Messgerät, drückt dann ein paar Knöpfe. Wenig später ist das Ergebnis da.

Der Liter Vollmilch enthält 310 Mikrogramm Vitamin A. Das entspricht etwa 35 Prozent des empfohlenen Tagesbedarfs eines Erwachsenen. „Kein schlechter Wert“, sagt Simone K. Frey, die neben ihrer Marketing Managerin McKee sitzt. Frey ist die Geschäftsführerin von BioAnalyt, das im brandenburgischen Teltow ansässig ist und das tragbare Labor entwickelt hat.

Was unspektakulär aussieht, ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit, die es brauchte, um ein hochspezialisiertes Laboratorium mit gut ausgebildeten Mitarbeitern und komplexen, teuren Analyseverfahren auf die Größe eines Aktenkoffers zu schrumpfen. Hätten Frey und McKee die Milch-Probe in ein solches Labor geschickt, hätte sie mehrere Tage auf ein Ergebnis warten müssen. Der Koffer liefert es innerhalb von Minuten – auch für andere Mikronährstoffe: Carotinoide, Eisen, Zink und Iod.

Frey kam vor acht Jahren in das Unternehmen, das heute 22 Mitarbeiter beschäftigt. Seit 2011 führt es die promovierte Ökotrophologin zusammen mit dem Firmengründer Florian J. Schweigert, einem Professor am Lehrstuhl für Ernährungswissenschaft der Universität Potsdam. Eigenen Angaben zufolge arbeitet BioAnalyt seit 2010 profitabel, da schon mit dem Prototypen, der Kuhmilch auf das Provitamin Beta-Carotin untersuchte, zahlende Kunden gewonnen werden konnten. Mit Gründerszene hat Frey über die Erfindung gesprochen und erklärt, wie Lebensmittelkonzerne und andere Player sie nutzen.

BioAnalyt

Der Vitamin-A-Koffer mit Messgerät und Test-Ampullen

Simone, die Analyse gerade ging ziemlich schnell. Wie funktioniert sie?

Die Chemikalie im Glasröhrchen ist so zusammengestellt, dass sie das fettlösliche Vitamin A in der Milch herauszieht: Die Eiweiße fallen nach unten, die Fette schwimmen oben. Vitamin A sendet Licht aus, fluoresziert also. Das kann man sich vorstellen wie Leucht-Sterne, die man sich an die Decke klebt. Im Gerät wird dann gemessen, wie stark die Probe leuchtet: Je mehr, desto mehr Vitamin A ist enthalten. Die Technologie hat unser Firmengründer patentieren lassen.

Wer nutzt Euren Analyse-Koffer?

Unter anderem Lebensmittelkonzerne. Dann prüft zum Beispiel Nestlé, ob die vom Rohstoff-Produzenten angegebenen Werte bei Vitaminen eingehalten sind. Auch in der Produktion finden immer wieder stichprobenartige Kontrollen statt, auch extern. Prüfkonzerne wie SGS oder Eurofins haben ganze Geschäftsbereiche, die nur Lebensmittel analysieren. Schließlich wollen Nestlé und Co Lebensmittelskandale und Rückrufaktionen vermeiden. Denn ein zu viel an Vitaminen kann auch giftig sein. Deshalb ist es so wichtig, die Angaben in der Nährstofftabelle auch einzuhalten.

Muss man promovierter Chemiker sein, um die Messungen durchzuführen?

Nein, wir können das jedem beibringen, der über ein chemisches Grundverständnis verfügt.

Heißt das, ich kann auch als Privatperson meine Milch untersuchen?

Noch geht das nicht. Ich mache gerade einen Selbsttest mit unserem Vitamin-A-Kit, teste aber keine Nahrung, sondern mein Blut. So ermittle ich meinen Versorgungsstatus. Eines Tages soll auch der Endverbraucher die Technologie nutzen können. Das ist unser Ziel. Noch ist sie dafür aber zu teuer. Ein Koffer kostet im Schnitt 5.000 Euro.

Sollen wir in Zukunft etwa unsere Nährstoffe im Blut checken?

Auch. Der Trend ist ja ganz allgemein, dass Ernährung transparenter werden soll. Das beinhaltet zum einen, dass der Endkonsument misst, wie gut oder schlecht er versorgt ist. Das kann er über sein Blut erfahren, Mütter zum Beispiel auch über Muttermilch. Andererseits wollen wir wissen, wie viele Vitamine und Mineralstoffe in unserem Essen enthalten sind. Wir glauben, dass der Verbraucher seinen Joghurt in Zukunft schon im Supermarkt messen wird.

Einige Startups, darunter Cerascreen, Vimeda oder Kiweno, bieten schon jetzt Bluttests an, um Unverträglichkeiten und Allergien von zu Hause zu ermitteln.

Stimmt, der Unterschied zu uns ist aber, dass die Probe dort ins Labor geschickt werden muss. Als Kunde warte ich Wochen auf ein Ergebnis. Bei uns könnten Blutentnahme und Test mit validen Ergebnissen im Wohnzimmer stattfinden. Das gibt es so bislang noch nicht.

Wie kann Eure Technologie in Entwicklungsländern helfen?

In einigen Ländern werden Lebensmittel mit Mikronährstoffen angereichert, um Mangelerscheinungen in der Bevölkerung auszugleichen. In Deutschland wird dem Tafelsalz Iod zugefügt, da es hier natürliche Defizite gibt. Daneben zählen weltweit Eisen- und Vitamin-A-Mangel zu den am weitesten verbreiteten Defiziten. Die Anreicherung von Lebensmitteln mit diesen Nährstoffen wird oft über UN-Organisationen initiiert. Um anschließend die Qualität der Lebensmittel kontrollieren zu können, müssen Analysemöglichkeiten her. Da die in Entwicklungsländern aber meist rar sind, werden unsere Koffer genutzt. Aktuell in 80 Ländern.

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Ihr macht kommerziellen Forschungseinrichtungen Konkurrenz, die mit Lebensmittelanalysen Geld verdienen. Wie reagieren die darauf?

Diese Labore haben ohnehin schon viel zu tun. Bis Ergebnisse da sind, dauert es im Normalfall auch deshalb so lange, weil die Proben in Warteschleifen stecken. Mit unseren Schnelltestes beschleunigen wir also vor allem die Arbeit. Außerdem können wir noch nicht jeden Nährstoff messen. Wobei sich das in Zukunft ändern soll. Wir werden weitere Koffer entwickeln, die andere Nährstoffe messen können. Dabei interessieren uns vor allem für jene, die kritisch für die menschliche Ernährung sind – und schwierig zu messen. Unsere Liste ist noch sehr lang.

Bild: BioAnalyt; Bild im Artikel: Gründerszene

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