Test: Lohnt sich die App gegen Essensverschwendung Too Good To Go?

Kurz vor Ladenschluss im Café noch Essensreste zum reduzierten Preis kaufen – das verspricht das Startup Too Good To Go. Doch das klappt längst nicht immer.

Kiloweise leckeres und frisches Essen müssen so manche Restaurants jeden Abend wegwerfen. Das tut weh. Um dieser Verschwendung etwas entgegenzusetzen, haben zwei Dänen im Jahr 2015 eine App entwickelt: Too Good To Go. Das bedeutet: Zu gut, um zu gehen – also zu gut, um weggeschmissen zu werden.

Die Gründer Stian Olesen, Thomas Momsen und Klaus Pedersen werden heute Abend in der bekannten Vox-Gründershow „Die Höhle der Löwen“ zu sehen sein, wo Unternehmer ihre Idee vor Investoren pitchen und auf finanzielle Unterstützung hoffen. Die drei haben ihre App bereits im April 2016 nach Deutschland gebracht.

Seitdem wächst die Anzahl der darin gelisteten Restaurants, Bäckereien und Cafés wöchentlich. Bei mehreren positiven Testberichten von Too Good To Go – zum Beispiel bei Galileo und der Handelsblatt-Marke Orange – gab es volle Brötchentüten, dutzende Sandwiches oder Sushipakete für nur durchschnittlich drei Euro zu sehen. Da ich von dem Konzept des Startups ohnehin angetan war, haben mich die guten Bewertungen noch bestärkt: Ich beschloss, die App in Berlin selbst zu testen.

Die Anmeldung

Nach dem Herunterladen ist die Anmeldung in der App unkompliziert. Entweder meldet sich der Nutzer über Facebook an oder registriert sich neu. Die Zahlung erfolgt über PayPal oder mit der Kreditkarte – und zwar bevor man die per App bestellten Reste im Geschäft abholt. Für jede gekaufte Portion kassiert das Startup eine Provision von einem Euro und behält sich einen Gewinn von 66 Cent.

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Die Restaurants 

Die App zeigt sämtliche Läden in der eigenen Umgebung an und listet sie nach ihrer Entfernung zu meinem Standort auf. Alternativ kann ich direkt nach bestimmten Restaurants oder Orten suchen. Über eine Karte lassen sich die Läden außerdem noch etwas einfacher finden. Grün markierte Shops haben noch mindestens eine Box mit Resten im Angebot, die rot gekennzeichneten Betriebe sind entweder schon geschlossen oder haben nichts mehr übrig. 

Allein in Berlin nehmen mehr als 200 Geschäfte teil, darunter große Hotelketten, zahlreiche Backshops und Cafés. Jeder Laden gibt in einer kurzen Beschreibung an, welche Lebensmittel oder Gerichte der Nutzer hier wahrscheinlich bekommen wird, wie viel eine Portion kostet und wann sie abgeholt werden kann. Die Nutzer können wählen, wie viele Boxen sie kaufen wollen. Was genau enthalten ist, wissen sie aber nicht. Häufig liegt die Zeitspanne für die Abholung nur bei 15 bis 30 Minuten. Außerdem geben viele Geschäfte ihre überschüssigen Waren erst nach Ladenschluss gegen 22 Uhr ab.

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Die App Too Good To Go im Test in Berlin

Erster Versuch

Für meine erste Bestellung über Too Good To Go entscheide ich mich spontan für die Back-Factory um die Ecke. Um 19 Uhr schließt der Laden. Zwanzig Minuten vorher kaufe ich über die App noch schnell eine Box, die ich bis zu einer halben Stunde nach Geschäftsschluss abholen soll. „Der Inhalt der Tüte ist vielfältig und kann zum Beispiel Leckereien wie verschiedene Backwaren oder Sandwiches enthalten“, steht in der App. Gespannt laufe ich los – und stehe dann vor verschlossener Tür. In der Beschreibung heißt es, man solle an die Scheibe klopfen. Aber niemand erscheint, die Regale sind leer und auch nach zehn Minuten Wartezeit ist kein Mitarbeiter aufgetaucht. To Good To Go entschuldigt sich auf meinen Anruf hin und verspricht, das Geld zurückzuüberweisen, was ich ja vorab schon bezahlt hatte. Nach zwei Tagen sind die drei Euro wieder auf meinem Konto.

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Back-Factory in der App Too Good To Go

Zweiter Versuch

Wenige Tage später versuche ich es noch einmal und kaufe eine Portion in einem anderen Café, das nachmittags die Reste seines Brunchbuffets anbietet. Diesmal gebe ich dem Laden mehr Vorlaufzeit und bestelle schon drei Stunden vor der vereinbarten Abholzeit. Pünktlich komme ich dort an, doch ich finde fast kein Essen mehr vor. Der Koch entschuldigt sich, denn er wusste nichts von meinem Kauf. Er sagt, den Großteil der Gerichte habe er bereits weggeworfen und könne mir nur noch wenige Reste anbieten: Pilze, Kartoffeln, Brotaufstriche und Milchreis. Das konnte ich zumindest selber einpacken und somit wählen, wie viel oder wenig ich mit nach Hause nehme. Dem Koch zufolge laufen die Too-Good-To-Go-Bestellungen über seinen Chef, der sein Team allerdings dieses Mal nicht informiert hätte. In der Beschreibung wurden den Nutzern unter anderem frische Croissants und Kuchen versprochen, die auch immer noch in der Vitrine lagen. Allerdings habe ich davon nichts mitbekommen. Etwas enttäuscht über meine matschige Ausbeute aus dem Edelstahlbehälter für 3,90 Euro verlasse ich das Lokal. Das Café hat sein Profil bei Too Good To Go mittlerweile auch gelöscht.

Dritter Versuch

Für meinen nächsten Anlauf wähle ich ein neues Café, was auf meinem Nachhauseweg vom Büro liegt. Wieder kaufe ich die Box drei Stunden vor dem Abholtermin und zahle den Preis von 3,50 Euro. „Reeham Coffee“ ist normalerweise bis 20 Uhr geöffnet, eine halbe Stunde vorher soll man dort auftauchen. Um 17.30 Uhr bekomme ich eine SMS von Too Good To Go, dass das Café heute früher schließen würde – gleich zwei Stunden sogar. Das schaffe ich nicht und storniere die Bestellung per Mail. Noch am selben Abend bekomme ich eine Nachricht, dass mir das Geld zurückerstattet wird. Später merke ich, dass mir die 3,50 Euro gar nicht erst eingezogen wurden.

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Vierter Versuch

Kurzerhand kaufe ich am selben Tag eine Portion in einem anderen Café. Als ich eine halbe Stunde später dort ankomme, ist es tatsächlich noch offen. Die Mitarbeiterin hat mich zwar nicht erwartet, aber es ist Essen da. Sie packt mir ein Stück Quiche und Salat in eine Box. Allerdings sind das keine Reste, sondern der herzhafte Kuchen wird ohnehin den ganzen Abend über weiter angeboten – für 5,50 Euro statt für 3,50, die es in der App kostet. Laut der Angestellten werde beinahe täglich eine Portion über To Good To Go verkauft, allerdings blieben selten Tagesgerichte übrig. Deshalb biete man die Quiche an, die stattdessen als Resteessen verteilt werde. Der ursprüngliche Sinn der App wird damit nicht erfüllt.

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Das Fazit

Die Idee hinter Too Good To Go ist und bleibt gut. Auch technisch funktioniert die App einwandfrei. Da die Abholzeit bei den Restaurants recht kurz ist und viele ihre überschüssigen Gerichte erst gegen 22 Uhr anbieten, erfordert es etwas Organisation, um überhaupt einen passenden Laden zu finden, dessen Abholzeit in meinen Tagesablauf passt.

Doch dann gibt es immer wieder Schwierigkeiten mit den Partnerbetrieben, die die Plattform nicht im Auge behalten und somit plötzlich von den Kunden von Too Good To Go überrascht werden. Nervig ist außerdem, dass man die Boxen beim Kauf sofort über die App bezahlt und bei Problemen jedes Mal eine Email an den Service schreiben muss, um eine Rückerstattung zu bekommen.

Nur um Geld zu sparen, würde ich Too Good To Go nicht noch einmal nutzen. Zwar sind die Preise grundsätzlich in Ordnung, trotzdem habe ich mir bei den wenigen Portionen, die ich wirklich erhalten habe, größere Mengen vorgestellt. Zumal in mindestens einem der Cafés am Ende doch Essen weggeworfen wurde, wie mir einer der Mitarbeiter verriet. Kurzum: Nach vier weniger erfolgreichen Anläufen bin ich von Too Good To Go ziemlich enttäuscht.

Die Macher der App habe ich auch per Mail darauf hingewiesen und sofort eine entschuldigende Rückmeldung bekommen. "Leider passiert es ab und zu, dass es nicht so klappt, wie wir uns das vorstellen," schreibt mir ein Mitarbeiter aus dem Kundensupport. Selbst für meinen zweiten Versuch der App, bei dem für mich noch die allerletzten Überbleibsel vom Buffet abgefallen waren, erhalte ich direkt das Geld zurück, "da es so nun wirklich nicht geht.". Um ihre Kunden sind Too Good To Go scheinbar sehr bemüht. Schade nur, dass es bei der Handhabung der Betriebe mangelt.

Bilder: Lisa Ksienrzyk

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