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Die Amazon-Invasion: Wie Rewe, Lidl und Edeka sich rüsten

Die grüne Flotte von Amazon Fresh

In Frankreich und Großbritannien wollte der Konzern offenbar Supermarktketten übernehmen. In Deutschland begnügt er sich mit Kooperationen. Das kann sich bald ändern.

Erst vor wenigen Wochen hat Amazon mit dem Kauf der US-Biokette Whole Foods für rund 13,7 Milliarden Dollar die traditionellen Handelsfirmen weltweit aufgeschreckt. Jetzt schaut sich der E-Commerce-Riese offenbar auch in Europa verstärkt nach Übernahme-Kandidaten und neuen Partnern im klassischen Lebensmittelhandel um. Dabei nimmt der US-Konzern seine wichtigsten Märkte wie Deutschland und Frankreich verstärkt in den Blick.

In Deutschland hat Amazon bisher fast ein halbes Dutzend Liefer-Partnerschaften angeleiert, um seinen neuen Lebensmittel-Dienst Fresh und andere Vertriebslinien mit Ware zu versorgen. Die Liste der Partnerschaften reicht von der Münchener Bäckerkette Rischart über Tegut bis zu Rossmann, Deutschlands zweitgrößter Drogeriekette.

In Frankreich hat Amazon nach einem Bericht der Tageszeitung Le Monde bei mehreren Supermarktbetreibern Interesse an einer Übernahme angemeldet. Zu den Kaufzielen zählten danach die zum Konzern Casino gehörenden Monoprix-Märkte. Casino habe einen Verkauf aber abgelehnt. Auch bei den Konkurrenten Intermarché und Système U seien Amazon-Emissäre vorstellig geworden.

Amazon will nach Deutschland

In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass die Amerikaner auch in Deutschland unterwegs sind, um die Expansion im Lebensmittelhandel voranzutreiben. Anfang des vergangenen Jahres haben sie nach Angaben von Brancheninsidern etwa bei marktführenden Genossenschaften angeklopft. Rewe wie Edeka lehnen jede Form von Kooperation jedoch dankend ab – sie wissen um die Vertriebsmacht des digitalen Aufsteigers und sehen in Amazon hauptsächlich einen Rivalen, der ihnen in wenigen Jahren wesentliche Marktanteile abknöpfen könnte.

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Dabei geht es um viel. In Deutschland wurden vergangenes Jahr Lebensmittel im Wert von 176 Milliarden Euro an Endverbraucher verkauft. Der Anteil des E-Commerce liegt immer noch nur bei rund einem Prozent, doch das könnte sich bald ändern. „Ich kann mir einen Marktanteil von 15 bis 20 Prozent durchaus vorstellen“, sagt Thomas Harms, Handelsexperte des Beratungsunternehmens EY. Fest steht, dass in den nächsten Jahren viele Milliarden Euro Umsatz zwischen den Unternehmen und Vertriebskanälen umverteilt werden. 

„Amazon streckt in Deutschland die Fühler aus“, beobachtet auch Thomas Voß, Experte der Gewerkschaft Ver.di für den Versand- und Online-Handel. Das liege schon in der betrieblichen Logik des amerikanischen Konzerns nach der Übernahme von Whole Foods. „Es ist klar, dass der Konzern vorhat, den lukrativen Lebensmittelmarkt auch hier für sich zu erschließen“, meint der Gewerkschafter.

Deutsche Konzerne rüsten auf

Die großen Organisationen haben inzwischen einen regelrechten Zoo von eigenen Markennamen aufgebaut. Sie reichen von Grundversorgungsartikeln unter dem Label „Ja“ (Rewe) oder „gut & günstig“ (Edeka) und Bio-Labeln bis zum Premiumsegment unter Namen wie „Rewe Beste Wahl“ oder „Edeka Selection“. Ein Fünftel bis ein Viertel der Umsätze entfällt auf Handelsmarken.

Von deren Beliebtheit könnte Amazon mit seinen Ambitionen auf dem Lebensmittelmarkt profitieren – aber daraus wird wohl nichts. Die großen Ketten wollen den Emporkömmlingen aus Seattle um Amazon-Chef Jeff Bezos das Online-Geschäft nicht kampflos überlassen, sondern bauen eigene Konkurrenz-Organisationen aus – auch wenn es teuer ist.

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Aus dem Allgäu nach München

Rewe Online ist inzwischen in rund 80 Städten unterwegs, Edeka hat sich aus der Tengelmann-Erbmasse den Lieferdienst Bringmeister geschnappt und startete vor gut einem Monat in Berlin einen Schnell-Lieferdienst. Auch sonst herrscht ein ziemliches Getümmel im Markt. Die Lidl-Schwesterfirma Kaufland ist mit shop.kaufland.de unterwegs, die Metro-Tochter Real lässt ebenfalls einen Lieferdienst rollen und die Deutsche-Post-Tochter DHL probiert es mit AllyouneedFresh.

Doch andere Unternehmen setzen stattdessen auf Zusammenarbeit mit den Amerikanern, darunter kleine und mittlere, aber auch – bisher eine Ausnahme – ganz große. Seit Anfang August kooperiert Amazon mit Rossmann. Die Zusammenarbeit soll in Berlin starten und eventuell später auf München ausgedehnt werden. Vorgesehen ist zunächst offenbar, rund 17.000 Artikel ins Angebot aufzunehmen. Rossmann legt nach dem Plan die Preise und das genaue Sortiment fest, während Amazon für den digitalen Vertrieb und die Logistik sorgt.

Bereits zuvor hatte Feneberg, ein Familienunternehmen aus Kempten im Allgäu mit immerhin 76 Filialen, eine Vereinbarung mit Amazon über den Verkauf von Lebensmitteln getroffen. „Das Allgäu kommt nach München: Lebensmittel von Feneberg jetzt mit Prime Now bestellen“, so werben die Partner. Amazon liefere 4000 Produkte von Feneberg innerhalb einer Stunde oder im Zwei-Stunden-Fenster, darunter viele Bio-Artikel und Lebensmittel aus regionaler Erzeugung.

Warnung vor Kooperation

Schon seit März beliefert die Fuldaer Kette Tegut, die über rund 280 Lebensmittelmärkte hauptsächlich in Hessen, Thüringen und Bayern verfügt, Amazon mit Tausenden Artikeln, darunter viele Eigenmarken und Bioprodukte, beispielsweise von Alnatura. Die Münchener Bäckerkette Rischart lehnt sich ebenfalls an den US-Giganten an und verkauft Brezeln, Krapfen und Schüttelbrot über Prime Now.

Experten glauben, dass beide Seiten von einer Zusammenarbeit Vorteile haben. „Rossmann wird zum Beispiel durch den Einblick in Kundendaten profitieren, die dem Unternehmen bisher nicht zugänglich waren. Amazon Prime erhält ein viel breiteres Sortiment bei Drogerieartikeln“, kommentierte Bianca Casertano, Handelsanalystin bei Planet Retail, den Rossmann-Deal. Andere sind skeptischer. „Wir warnen vor Allianzen “, sagt Gewerkschafter Voss. „Amazon sucht keine Partnerschaften auf Augenhöhe, sondern Unterordnung.“

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Mag sein. Auch bei der britischen Traditionskette Morrisons – gegründet anno 1899 – fing es im Juni vergangenen Jahres ganz harmlos mit einer Kooperation an. Morrisons stellte Lebensmittel bereit, Amazon sorgte für die Auslieferung. Im November folgte Stufe zwei: Intensivierung. In bestimmten Regionen von London und Hertfordshire konnten Kunden Lieferung binnen einer Stunde – gegen beträchtliche 6,99 Pfund – oder kostenlos in einem Zeitfenster ordern.

Morrisons-Chef David Potts war begeistert. Die Vereinbarung werde den Gewinn steigern, ohne dass dafür besondere Investitionen erforderlich seien. Im Juni dieses Jahres Stufe drei: Übernahmepläne. Jedenfalls kochten Spekulationen hoch, wonach Amazon Morrisons, Nummer vier unter den britischen Supermarktketten, kaufen wolle. Der Aktienkurs boomte vorübergehend und sank wieder ab, nachdem die Gerüchte nicht konkreter wurden. So weit wie Whole Foods wollten die Briten offenbar noch nicht gehen.

Auch in den USA machen die Großen gegen Amazons Expansionspläne bei Lebensmitteln mobil. So baut der weltgrößte Einzelhändler Walmart seinerseits mit einem Zukauf seine Lieferdienste aus. Walmart erwarb den New Yorker Lieferdienst Parcel, der frische Lebensmittel und Tiefgekühltes wahlweise am gleichen Tag, über Nacht oder in bestimmten Zeitfenstern zustellt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Welt Online.

Bild: Getty Images / Kevork Djansezian

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