„Wir wollen nicht wie eine Fressmeile werden“

Einblick. Die Markthalle Neun ist das Lebensmittel-Mekka in Berlin. Food-Trends entstehen hier. Doch wie funktioniert das Geschäft mit den Leckereien aus aller Welt?

Ein Mekka für Foodies (und Touristen): die Berliner Markthalle

Wer die Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg betritt, kommt sich schnell vor wie in einer eigenen Welt. An vielen Ständen bieten Händler ihre Produkte an. Es gibt Brot, Fisch, Fleisch, Kuchen, Obst, Gemüse und allerlei Kombinationen. Nachmittags wird es eng in den Gängen, viele Einheimische kaufen hier ein, aber auch Touristen kommen. Ein bisschen kommt man sich vor wie auf einem orientalischen Basar, nur dass Feilschen hier in der Regel zwecklos ist.

Die Lebensmittel sind sehr auserlesen: In der Markthalle legen die Händler viel Wert auf Qualität, dementsprechend hoch sind die Preise. Und auch einige Startups sind mit neuen Produkten vertreten, manche von ihnen entstehen eine Etage tiefer. In den Kellergewölben des alten Gebäudes, wo sich einige junge Unternehmer Produktionsstätten errichtet haben. NGIN Food hat mit Bernd Maier gesprochen, dem Geschäftsführer der Markthalle – und er hat uns erzählt, warum sein Alltagsgeschäft nicht immer einfach ist.  

Bernd, was unterscheidet eine Markthalle von heute von einer im 19. Jahrhundert?

So unterschiedlich ist das Konzept nicht. Diese Markthalle wurde 1895 gegründet. Damals gab es hier bis zu 400 Stände, darunter alleine 20 Metzger. An diese Zahlen werden wir niemals wieder herankommen. Wir haben heute rund 50 Stände und achten darauf, dass sich die Produkte nicht zu sehr doppeln.

Wie seid ihr an die Halle gekommen?

Das Land Berlin hat sie 2011 verkauft, dabei ging es aber nicht um den höchsten Preis, sondern um das beste Konzept. Ich habe mich mit meinen Partnern Florian Niedermeier und Nikolaus Driessen darum beworben. Eigentlich sollte in die Halle ein weiterer Supermarkt reinkommen, aber das wollte auch eine Anwohnerinitiative nicht. Mit ihrer Hilfe haben wir den Zuschlag bekommen und 1,15 Millionen Euro mit einem Darlehen gezahlt, das wir nun abstottern.

Wie viel kostet ein Stand bei euch?

Startups können hier unterschwellig starten. Sie können hier Freitag und Samstag ihre Sachen verkaufen, das kostet sie bei der kleinsten Standgröße 50 Euro am Tag. Unsere Preise kann man dabei durchaus mit denen von manchen Straßenmärkten vergleichen. Und bei uns haben Händler zusätzlich ein Dach über dem Kopf, Strom und Wasser.

Wie wählt ihr die Händler aus?

Vor allem setzen wir auf hochwertige, regionale Ware und Handarbeit. In Berlin gab es lange Zeit keine richtige Lebensmittelkultur – schon gar nicht auf Sterneküchenebene. Das hat sich jetzt gewandelt durch die vielen Gerichte aus anderen Teilen Deutschlands, Europas und sogar der Welt. Die wollen wir bei uns auch abbilden. Was wir nicht werden wollen, ist eine Fressmeile, so wie der Naschmarkt in Wien. Der war vorher ein echter Markt, jetzt stehen da aber nur noch Essensbuden und Touristen.

Was hast du gegen Touristen?

Nichts, ich freue mich über sie. Sie sind meistens gut gelaunt – verständlicherweise, wenn man gerade im Urlaub ist. Für uns sind sie wichtig. Wir müssen ein Zielmarkt sein, zu dem Leute bewusst fahren. Denn von drei Straßen im Umkreis können wir nicht leben. Andererseits wollen wir auch ein Markt für Kreuzberg sein.

Bernd Maier, Betreiber der Markthalle in Berlin

In der Halle ist ein Aldi – wie passt der zu eurem Konzept?

Für den Aldi können wir nichts, er ist hier schon seit den 70er-Jahren. Anfangs hat er mich gestört, aber so kommt auch Laufkundschaft vorbei. Und es gibt viele Leute, die uns Gentrifizierung vorwerfen würden, wenn der Aldi gehen müsste. Sogar linke Politiker sind darunter. Sie glauben, dass ein Discounter sehr gut ist, um ärmere Menschen zu versorgen, was ich eine schwierige Position finde.

Warum?

Er gehört einem der reichsten Deutschen, und in dieser Filiale arbeiten nur drei Menschen. Hier auf dem Markt habe ich 30 bis 40 Startups und rund 300 Arbeitsplätze. Klar sind die Produkte der Händler teurer als die Massenware vom Discounter. Aber wenn du mit den Verkäufern sprichst, werden sie dir mit viel Leidenschaft erzählen können, woher die Produkte kommen und wie sie entstanden sind. Sie verdienen ihr Geld mit ehrlicher, harter Arbeit.

Und wie gut verstehst du dich mit ihnen?

Als Betreiber kriegt man immer auch etwas Druck ab, wenn ein Laden mal nicht so gut läuft. Bei den Händlern geht es da schnell um die Existenz. Ich habe hier viel Verantwortung – und viel Familie.

Bild: Chris Marxen | Headshots-Berlin.de
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