Einmal Blockchain to go, bitte!

Einblick. Die Blockchain-Technologie erschüttert nicht nur das Bankwesen. Auch die Lebensmittelbranche wird sich wandeln. Wo wird die Blockchain die Industrie verändern? Und warum?

Hazelnuts. (Photo by: BSIP/UIG via Getty Images)

Taucht das Wort „Blockchain“ auf, ist die Bitcoin-Assoziation nicht weit. Dabei dürfte die neue Technologie weit mehr als nur den Finanz-Markt verändern. Auch der Lebensmittelhandel wird sich der Entwicklung kaum verschließen können.

Die Blockchain war ursprünglich, im Jahr 2009, als System für das Erfassen von Bitcoin-Transaktionen gedacht. Dafür werden alle Transaktionen im Laufe der Zeit quasi in einem Dokument verbucht und dieses Dokument auf alle teilnehmenden Computer kopiert. Alle paar Minuten, mit jedem neuen Block, synchronisieren sich alle Dokument-Kopien. Dadurch sind Einträge für alle transparent. Viel wichtiger aber: Will jemand betrügen und Daten verändern, werden alle Manipulation im nächsten Synchronisations-Zyklus überschrieben. Nur wer 51 Prozent aller Dokument-Kopien kontrolliert, könnte theoretisch die Blockchain mit falschen Infos füttern. 2013 schlug der damals 19-jährige Ethereum-Gründer Vitalik Buterin eine weiterentwickelt Form der Blockcain vor, die mehr konnten als Geld verschieben: Smart Contracts.

Diese zweite Entwicklungsstufe der Blockchain erschüttert derzeit diverse Branchen. Denn dadurch sind die Anwendungsmöglichkeiten explodiert. Tatsächlich könnte die Blockchain-Technologie mittelfristig diverse Bereiche der Lebensmittelindustrie tangieren: zum Beispiel Lieferketten, den internationalen Handel, Betrugsbekämpfung und den Verbraucherschutz.

Lieferketten: Zwischenhändler reduzieren

Häufig wechseln Container mit Getreide oder Früchten noch während der Fahrt auf den Ozeanen mehrmals den Besitzer, bevor sie einen Hafen erreichen. Weil Nahrung Spekulationsgut ist, steigt auch für die verarbeitende Industrie der Preis. Eine vertrauenswürdige Blockchain könnte das obsolet machen. Will ein Haselnuss-Produzent seine Ware verkaufen, könnte er diese künftig über eine Blockchain-Handelsbörse anbieten. Endabnehmer könnten direkt beim Bauern auf der anderen Seite der Welt bestellen oder Service-Anbieter wie Haselnuss-Transporteure buchen.

Da die Blockchain-Technologie seit der Entstehung der Ethereum-Währung nicht nur Finanztransaktionen verarbeiten, sondern auch Smart Contracts durchführen kann, ließen sich auch Faktoren wie Rohstoff-Qualität, Ruf des Produzenten oder Lieferdauer verarbeiten. Soll die Haselnuss die UNECE-Norm DDP-03 erfüllen, lediglich von Produzenten gekauft werden, deren Bewertung vorangegangener Transaktionen 97 Prozent Zufriedenheit nicht unterschreitet und in maximal sieben Tagen geliefert werden, so ließe sich das leicht über die Blockchain lösen. Und das automatisiert, in Sekunden und zu negierbaren Transaktionskosten. Der Wettbewerbsvorteil einer Blockchain-Lösung wäre verglichen mit der intransparenten Lieferkette über diverse Zwischenhändler billiger sowie weniger anfälliger für Angebotsschwankungen, Marktkonzentrationen und -manipulationen.

Gerade der grenzüberschreitende Handel kann von der schnellen und sicheren Abwicklung profitieren. Ende Januar wurde erstmalig ein Transport von 3.000 Tonnen Weizen von Russland in die Türkei in Bitcoins bezahlt. Es ist unwahrscheinlich, dass es dabei bleibt.

Die Blockchain quantifiziert Vertrauen

Neben der reinen Finanz-Abwicklung kann die Distributed-Ledger-Technologie noch andere Spielregeln ändern: Wer heute Geschäftspartner sucht, muss einen Vorschuss an Vertrauen liefern, dass Liefertermine eingehalten werden. Dass die gelieferten Haselnüsse der versprochenen Qualität entsprechen. Dass der Geschäftspartner sich nicht mit Vorzahlungen aus dem Staub macht. Vorschuss-Vertrauen ist ein wirtschaftliches Risiko, das erst durch längere Geschäftsbeziehung reduziert wird. Doch mit jedem neuen Geschäftspartner sinkt das Vertrauenskonto beider interagierenden Parteien wieder auf Null. Vertrauen muss man sich erarbeiten.

Die Blockchain-Technologie kann hingegen Vertrauen quantifizieren und übertragen. Auch wenn einander fremde Geschäftspartner handeln, müssen sie bei der Vertrauens-Kalkulation nicht von Null anfangen. Denn da die Blockchain alle Transaktionen aller Teilnehmer vom ersten Block an bis zum Ende ihres Bestehens für alle transparent verbucht, kann jeder die Transaktionsgeschichte jedes Marktteilnehmers einsehen. Macht sich also ein Marktteilnehmer mit versprochenen Haselnüssen trotz Vertragsabschluss aus dem Staub oder liefert nur verspätet oder in schlechter Qualität, so bestraft ihn das System künftig durch eine – für alle transparente – Abwertung. Es wäre folglich im eigenen Interesse, nicht gegen die Marktregeln zu verstoßen.

Das senkt nicht nur das wirtschaftliche Risiko aller Marktteilnehmer, sondern steigert auch den Wettbewerb. Muss sich ein Nutella-Hersteller zwischen einem langjährigen Haselnuss-Produzenten und einem anderen, ihm persönlich unbekannten, aber billigeren Anbieter entscheiden, sinkt durch die Blockchain der Vertrauens-Vorteil des alten Haselnuss-Vertagspartners. Denn auch der neue Haselnuss-Anbieter verfügt durch vergangene, erfolgreiche Vertragsabschlüsse mit anderen Handelspartner über eine einschätzbare, quantifizierte Verlässlichkeit. Das wirtschaftlich bessere Angebot kann sich also durchsetzen, weil Vertrauens-Risiken reduziert werden.

Die Vorteile der Blockchain sind inzwischen bei einigen Konzernen bereits erkannt worden. Der Unilever Digitalchef für die DACH-Region, Harald Melwisch, hatte jüngst im Interview mit NGIN Food gesagt, er freue sich schon auf die Transparenz durch Blockchain-Technologien. Erprobt wird ein solches System beispielsweise von einem der größten Lebensmittelhändler, dem französischen Mischkonzern Louis Dreyfus, der sich auch auf den Agrar-Sektor spezialisiert hat. In einem ersten Food-Handel, der über eine Blockchain abgewickelt wurde, verkaufte der Konzern im Januar Sojabohnen an das chinesische Unternehmen Shandong Bohi Industry.

Verbraucher-Schutz durch dezentrale Nachverfolgbarkeit

Erste Blockchain-Anwendungen auf der Konsumenten-Ebene sind hingegen bei der Nachverfolgbarkeit zu erwarten. Mit der schwer zu manipulierenden Blockchain-Struktur könnten beispielsweise alle Bestandteile einer Nutella-Crème bis auf die letzte Haselnuss transparent, verlässlich und energieeffizient gespeichert werden. Apps, die nach einem Produkt-Scan, via Blockchain alle Inhaltsstoffe und ihre Herkunft visuell ansprechend aufschlüsseln, dürften zum Standard – wenn nicht gar verpflichtend – werden. Dabei müssten Konsumenten künftig nicht mehr auf die Ehrlichkeit des Herstellers vertrauen. Vom Bauern, über Transporteure bis hin zur verarbeitenden Industrie – sie alle füttern die Blockchain mit Informationen über Haselnuss, Transportweg, Verarbeitungszyklus und Kundenkauf.

Endproduzenten sind deswegen nicht Herr der Blockchain, sondern nur ein kleiner, gleichberechtigter Teil der Kette. Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, den Lebensmittelmarkt stärker zu demokratisieren und Oligopole, Marktkonzentrationen und Intransparenzen abzubauen.

Bild: Getty / BSIP 
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